Aus der Fanis-Tofanagruppe
Noch vor zehn Jahren wusste niemand etwas von der Fanis-Tofanagruppe; wer nahm sich auch die Mühe, wenn
er vom Joche im Gemärkt (Cima bauche 1544 m) die Ampezzanerstrasse gegen Ospitale (St. Blasius, 1474 m) abwärts fuhrt oder staunend an der Straßendrehung (le Tor eiche, 1419 m) von Eitelsten (Podesten) stand, nach jenen Bergen zu fragen, welche sich rechts von den Profanen vordrängen? Und jenen verschwindend wenigen, welche durch das Val Travemünden zum einsamen Cola die Boas, 2310 m, hinaufstiegen oder über den sonnigen Cola de Litschi (Tadegapaß, 2144 m) wanderten, fiel es ebenfalls nicht ein, in jene stillen Kare, seitab vom begangenen Wege, einzudringen und den ernsten Bergeshäuptern ringsum zuzustreben. So blieb die Fanis-Tofanagruppe urgekannt, wie so manches, was nur wenige Schritte vom gewohnten Pfade erfordert. Meinen Freunden und mir war es beschieden, als erste Bergsteiger in dieses Gebiet einzudringen und unvergessene Stunden in den stillen Hochtälern zu verleben. Nachfolger aber haben wir bis jetzt so gut wie keine gefunden. Es hat freilich auch nicht an Leuten gemangelt, welche behaupteten, fast alle der von uns zum ersten Male betretenen Gipfel bereits mehr oder minder lange vor uns — natürlich auf unseren, aus unseren Veröffentlichungen entnommenen Wegen — bestiegen zu haben.
Aber kein Steinmann und keine sonstige Spur auf den Bergen, kein Hinweis in der Literatur hat uns von der Tätigkeit dieser bescheidenen, nur im gutem wirkenden Bergsteiger berichtet. Und so dürfen wir sie wohl mit gute Gewissen mit jenen »Unbekannten« auf eine Stufe stellen, von welchen gewisse, von neidischen Mitmenschen verfolgte Leute vorkornmendenfalls ihre »Erwerbungen« gemacht haben wollen.
Eine topographische Darstellung der Fanis-Tofanagruppe zu geben, ist wohl unnötig; die beigefügte kleine Karte lässt alles Wissenswerte entnehmen. Die Ersteigungsgeschichte wird in Kürze jeweils beim einzelnen Gipfel ihren Platz finden:
Croda Camin, 2613 m – Forcella d´Antruilles

Im Norden der Punta di Col Becchei di sotto, 2730 m, von ihr durch die breite Gerölleinsenkung der Forcella Camin (Forcella dal lé), 2398 m, getrennt, steht ein kurzer, teilweise felsiger Zug, welcher im Nordosten mit der breiten Kuppe der aussichtsreichen Lavinores (La Para di Ampezzo), 2416 m, endet; der höchste Punkt daselbst, 2613 m, ein oben abgerundeter Turm, ragt unmittelbar nördlich der Forcella Camin auf. Es ist die Croda Camin, welche in der Spezialkarte und topogr. Detailkarte den unrichtigen Namen Forcella Camin führt. Abgelegen und der großen Menge der Bergsteiger unbekannt, war der Gipfel bis 1. August 1900 unerstiegen, an welchem Tage Günther und ich ihn über die Nordwand erreichten, kurz nach uns traf über den Nordwestgrat Freund Carletto ein, welcher also zugleich die erste Überschreitung des Berges ausgeführt hat. Von späteren Besteigungen ist nichts bekannt geworden.
Der Morgen des 1. August 1900 sah Carletto, Günther und mich vor dem Hause von Ospitale (St. Blasius, 1474m) bei schwerer Arbeit; galt es ja doch, mit einem Kaffe- und Milchtopf von altväterlichem Umfange und einem Haufen von Semmeln und Kipfeln, sowie einer Tasse Butter und Honig fertig zu werden; der naive Zuschauer hätte freilich gemeint, das ganze Frühstück werde bequem für sechs hungrige Leute reichen. Aber unsere Anstrengungen wurden belohnt; um 6 Uhr waren wir mit allem zu Ende, schulterten die Rucksäcke und marschierten ab. Diesmal war uns der Weg auf der herrlichen Straße bis zur Drehung von Peutelstein gar nicht unangenehm; denn durch diese gleichmäßig sanfte Bewegung konnte sich in unseren Magen wenigstens alles schön ordentlich „setzen“ . Wo Schloss St. Hubertus aus dichtem Walde hervorschaut, verließen wir die Ampezzanerstrasse und zogen rechts den Karrenweg in das Val Campo croce hinein; anfänglich geht es scharf aufwärts, aber bald leitet der Weg in unmerklicher Steigung am freien Hange talein. Herrlich ist der Rückblick auf den grünen Grund des Boitatales, den stillen Pian di luova, 1354 m, über welchen die Firnspitze der Tofana di fuori, 3232 m, sich zu schwindelnder Höhe erhebt. Bald nach der einsamen Hütte von Son Pauses, 1548 m, bogen wir auf einem breiten, teilweise bewachsenen Weg links zum Wasser hinab, überschritten auf neuer Brücke die ungestüm rauschende Acqua di Campo croce und standen jenseits in wenigen Minuten am Eingang in das Val di mez, welchen uns zur Forcella Camin hinaufführen sollte. Gleich nach der Überschreitung des Ruscello di Mez folgten wir einem Saumwege an seinem rechten Ufer talein; dichter Wald nahm uns auf, und als wir aus seinen schattigen Hallen wieder ins freie Sonnenlicht traten , da war auch der Weg verschwunden, verloren im steinigen Bachgeröll. Rasch entschlossen stiegen wir über erdiges Gehänge etwas in die Höhe und querten zum nächsten Erdabbruche los talein leitete. Auf wiesigem Boden, 1764 m, dem eine muntere Quelle entsprang, hörte er freilich bald auf, aber jetzt war die Sache nicht mehr so schlimm; in der Schuttrinne rechts von der Quelle kamen wir bis in die Nähe der ersten Felsen empor, wo selbst wir eine Pfadspur fanden, welche durch Krummholz gegen rechts führte. Mehrere kleine Rinnen, teils schutterfüllt, teils mit plattiger Pfadspur sich zu einem steilen Steiglein auswuchs. Oben ging es nach rechts hinüber zwischen großen Blöcken fast eben zur zweiten Talstufe des Val di mez.
