Die Pisciadugruppe

Written by Verena. Posted in Sellagruppe

In der »Zeitschrift« 1900, Seite 353, wurde einer von Junghanns (Bamberg) am 1. August 1900 ausgeführten Besteigung des Pisciadu gedacht, welche über die ausgeführten Nordwestflanke des Berges führte. Sie -wurde von Dr. Markwald (Gießen) mit Führer Pescosta (Colfosco) und auch von anderen, darunter dem Verfasser, mehrfach wieder­holt. Da sie die Aufmerksamkeit der Touristen auf sich gelenkt und auch schon, wie wir sehen werden, reichlich Früchte getragen hat, dürfte es sich geziemen, ihrer mit einigen Worten zu gedenken, zumal, da die Erstellung der Pisciadusee­hütte in engen Zusammenhang mit dem, Angriffsobjekt gebracht werden muss. Der Einstieg ist in einer kleinen Stunde ab Pisciaduseehütte zu erreichen und befindet sich in einem der Kamine, die oberhalb des höchsten Schneefleckes zur Rechten der Eisrinne herabziehen, welche den Pisciadu vom gleichnamigen Turme trennt. Nachdem man ca. 30 m vertikal aufwärts geklettert, sucht man, bald rechts, bald links traversierend, immer höhere, mit Geröll bedeckte Terrassen zu gewinnen, bis man nach dem Passieren einer Schneeschlucht und eines leichten, von Wasser durchflossenen Kaminen die mächtige Schulterterrasse erreicht, welche in vollkommen vertikaler Steilwand zum Pisciadusee abfällt. Von da führt die Route anfangs über Schnee und Geröll, später über den Nordwestgrat -oder in irgendeiner Variante leicht zum Gipfel. Der Weg ist äußerst interessant und der Gipfel lässt sich von jedem einigermaßen geübten Felsgänger in drei Stunden von der Hütte erreichen. Es sollte kein geübter Kletterer es versäumen, den Pisciadu, diesen stolzen Aussichts­berg im Norden der Sellagruppe, auf dem J u n g h a n n s w e g und der gewöhnlichen Abstiegsroute zu traversieren, zumal er dabei den Bambergersattel betritt und sich also direkt vor den Mittagszahn, die Bambergerspitze und den Anstieg zur Bambergerhütte gestellt sieht. Die Bemerkung des Verfassers:» Der Pisciadu ist von N o r d e n her absolut unersteiglich«, konnte selbstredend nur den prallen Nordwänden des Berges gelten. Hat Junghanns im allgemeinen die Aufmerksamkeit auf diese Nordseite gelenkt, so war mit der obigen Bemerkung des Verfassers die Unternehmungslust geweckt und es fanden sich bald kühne Felskletterer, welche sich daran machten, denjeni­gen Lügen zu strafen, der es wagte, heutzutage die Möglichkeit irgend einer touristischen Leistung in Zweifel zu ziehen. Der Verfasser war denn auch von der Mitteilung Dr. W. von Glanvells, dass er mit seiner Gattin Mary, Dr. G. Frei­herrn von Saar und K. Doménigg am 10. August 1900 »den Pisciadu führerlos direkt über seine Nordwand« erreicht hätte und ihm dies zur Berichtigung obiger Notiz zu wissen tun ließe, einigermaßen verblüfft. Die Folge war, dass er acht Tage später, am 18. August, es unternahm, mit Dr. Schiffmann (Wien) die Tour zu wiederholen.

Die Boé- und Vallongruppe

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Wie in den »Mitteilungen berichtet, hat Dr. K. Frhr. von Hayn mit den Führern Jos. Kosther (Corvara) und Dapunt (St. Ulrich) von der B o e aus den ersten Abstieg in das Vallon am 10. August 1900 ausgeführt. Einer freundlichen Privat­mitteilung zufolge stieg die Partie von der Boéspitze östlich gegen die Vallonspitze ab und traversierte die Ostwand derselben bis zur nördlichsten, gut sicht­baren Einsattelung der Vallonwand, von wo aus zwei Kamine in das Vallon hinab­führen. In dem linksseitigen ging es ca. 25 m steil abwärts, dann über eine 3 in breite, vereiste Stelle in einen ca. 10 m tiefen senkrechten Kamin, der auf einem ziemlich breiten Schuttband endigt. Nun über sehr exponierte, brüchige Wand­stufen leicht hinab in das anstoßende, nach links in das Vallon hinabziehende Couloir. Dieses Couloir liegt, von dem am Abschlusse des Vallons sichtbaren Wasserfalle aus betrachtet, zur Rechten und dem den Aufstieg zum Zehner ver­mittelnden Geröllfelde — vom Wasserfalle aus dein zweiten rechts — fast gerade gegenüber. V. Havn hebt mit Recht hervor, dass auf diesem Wege der Zehner und die leider sehr vernachlässigte Vallongruppe von der Bambergerhütte aus in wenigen Stunden zu erreichen ist. Es darf wohl hinzugefügt werden, dass der geübte Tourist nach einer Nächtigung in der Pisciaduseehütte bei guten Witterungsbedingungen am ersten Tag den Pisciadu, Mittagszahn und die Bambergerspitze traver­sieren, am zweiten Tag von der Bambergerhütte aus über die C re sta S t r e nta, E i sseespitze, Vallonspitze und die Vallonwand den Zehner erreichen und am gleichen Tage nach Corvara absteigen kann.

Eisseespitze

Die genannte Partie erreichte über die Moserscharte auf bekanntem Wege den Gipfel des Zehners und fand die Gipfelkarten ihrer beiden Vorgängerinnen aus den Jahren 1894 und 1898 unversehrt vor. Es ist erfreulich, berichten zu können, dass seitdem weitere drei Partien den schwierigen Gipfel erreicht haben, und zwar E. Tatzel (Troppau) am 3o. Aug. 1900, Hofbauer (Wien) am 24. Sept. 1900 und Wollring (Hof) am 20. Aug. 1903 — sämtliche mit Führer J. Kostner (Corvara). Da die schräge, den ersten Einstieg von der Moserscharte aus vermittelnde Treppe jetzt zum Teil abgefallen ist, wird der bisherige Aufstieg überhaupt bald mit noch größeren Schwierigkeiten verknüpft sein. Als hochinteressantes Problem dürfte deshalb der direkte Aufstieg aus dem Vallon oder aus dem Mittagstale zum Zehner in den Vordergrund gerückt werden. Möge an dieser Stelle wiederholt auf die Schönheiten der Touren in der Ampezzaner Dolomiten zugewendeten Ostseite der Sellagruppe aufmerksam Sellagruppe gemacht werden. Abgesehen von dem Zehner, einem erstklassigen Kletterberge,verlangen alle anderen Touren — vom Pizkofel bis zur B o e — nur einen mittelmäßigen Touristen und bieten ihm dafür des Interessanten in Hülle und Fülle.

Schon der Anstieg von Corvara aus zum idyllischen, einsamen, sagenreichen Boésee und hinauf in das von furchtbar steilen Wänden und Türmen flankierte Vallon mit seinen mächtigen Schuttkaren und eisausgepolsterten Scharten und Kaminen und seinem offenen Rundblick über die herrlichen Matten der Incisa hinweg setzen den Beschauer in Bewunderung. Auch die blinkenden Eisberge der Tauern und der Zillertaler Alpen lugen in ihrem weißen Schimmer zwischen den uns umstehenden Felskolossen gespensterhaft herein, und deren rauhe Wirk­lichkeit tritt uns bald entgegen. Denn Schnee und Eis knirscht bald unter unseren Füßen, wenn wir vom Vallon aus einem Gipfel näher treten. Wenn die Sektion Bamberg auch hier eine kleine Unterkunftshütte erbaut haben wird, dann wird sicherlich auch der Besuch dieses gewaltigen Felszirkus, der sich um dieses romantische Tal aufbaut, gehoben und der Tourist wird weitere Schönheiten der Sella bewundern.

Die Mesules- und Murfreitgruppe

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Der Pisciaduseekofel (Sas dal Lec) wird durch den gelben, brüchigen Kamin immer schwerer zugänglich, da derselbe bei der raschen Verwitterung bald zu einer vertikalen, weiten, grifflosen Rinne ausgewaschen sein wird. Nun erfahren wir von E. C l é m e n t (Hannover), dass er mit Führer Messner aus Seis am 10- Juli 1902 einen neuen Anstieg zu diesem hochinteressanten Gipfel gefunden hat. Er schreibt im Fremdenbuch der Bambergerhütte: »Der Sas dal Lec ist jetzt ganz leicht zu ersteigen, indem man von der Scharte zwischen Sas dal Lec und Gamsburg ein in der Scharte beginnendes Band nach rechts verfolgt; man gelangt so um eine Ecke auf eine zum Grat hinziehende Schuttterrasse und von dort über Bänder und brüchige Schrofen zum Gipfel.« Der Verfasser erreichte mit J. Eckert (S. Bamberg) am 19. August 1904 durch den östlich der Scharte herabziehenden Schuttkamin und das bekannte, damals verschneite Band den Gipfel.

Von P. Waitz und F. Graf (A. A.-K. Innsbruck) wurde am 17. Juli 1901 vom Val Culea aus die Nordwand des Sas dal Lec in drei Stunden erstiegen. Sie schlossen daran die leider selten unternommene, großartige Überschreitung der Gamsburg, der beiden Mesules und der sämtlichen westlichen Gipfel bis zum Gamsburg Selva. Was die Gamsburg anlangt, so geht aus der Mitteilung beider Tou­risten im Fremdenbuch der Bambergerhütte hervor, dass sie von der Scharte zwischen Gamsburg Sas dal Lec aus den gewöhnlichen Weg wählten bis zum kleinen Zacken bei der Eisrinne, dass sie aber nicht in diese hineinquerten, sondern ca. 7 m in den Felsen emporkletterten, um von hier nach rechts auf gutem Bande zur Scharte hinab und über den nächsten Felskopf in zwei Stunden zum Gipfel zu gelangen. Wie aus einer Privatmitteilung hervorgeht, haben D ü r r b e c k und Leinecker (Würz­burg) den gleichen Weg genommen. Dürrbeck schreibt: »Am 26. August 1902 bestieg ich mit Leinecker aus der Scharte zwischen Sas dal Lec und Gamsburg auf dem im »Hochtourist« angegebenen Bande die Schulter und von da aus die fünf Gipfeltürme der Gamsburg. Von der Schulter aus stiegen wir, eine an den ersten Vorgipfel sich anlehnende kleine Felsmauer nach rechts umgehend und hinter derselben gegen links ansteigend, also auf die Nordwand übergehend, den ersten Vorgipfel, indem wir, uns stets links haltend, einen großen, an das Massiv sich anlehnenden Block, unter dem man scheinbar durchschlüpfen kann, überstiegen und etwas weiter oben ein Band erreichten, das nach rechts um den Vorgipfel herumzieht, auf der Südseite über der Eisrinne ca. 5o m breit ist und unmittelbar zu dem Zacken führt, der die Scharte oberhalb der Eisrinne in zwei Hälften teilt. Dadurch wird die schlimme Traversierung der nördlichen Eisrinne vermieden und die Ersteigung der Gamsburg wesentlich erleichtert.« Der Verfasser endlich überstieg mit J. Eckert und L. Knaps (S. Bamberg) am 19. August 1904 vom Sas dal Lec kommend auf dem Waitzschen Wege die Gamsburg und die beiden Mesules. Diese Überschreitung der vier Gipfel gehört zu dem Interessantesten, was die Sella Felskletterer bietet. Die Besteigungsgeschichte des Mesules-Westgipfels erfuhr eine Erweiterung durch die von Dr. Dittmann, Seyffert (Nürnberg) und dem Verfasser am 2. August 1901 ausgeführte Erstersteigung über die Westwände. Wir stiegen oberhalb des Val ausgeführte Culea, westlich der Eisrinne, die zur Gamsburg führt, dort, wo der Schnee am höchsten gegen die von Wasser durchflossene gelbe Rinne hinaufreicht, über eine gelb bis 6 m hohe, plattige Wandstufe in die Felsen. In der Rinne etwa eine halbe Stunde hinan, dann Ausstieg auf den linkseitigen, sehr brüchigen Grat. Nach 4 1/4 Stunden ab Grödenerjoch erreichten wir eine Scharte, von der aus man über plattige, mächtig steile Schrofen einen Gipfelaufbau zunächst links, dann rechts um­geht, um die obere, 6 m breite, ca. 6o0 geneigte Schneerinne zu erreichen. Diese wird hart unter der Felswand, an die sie sich anschmiegt, überquert und bald erreicht man über eine Steilstufe .ein .ganz charakteristisches Fenster, das von der höchsten Tschierspitze aus deutlich sichtbar ist. Jenseits liegt jene mächtige Eisrinne vor uns. Welche zwischen Mesules Mittel- und Westgipfel zur Murfreitterrasse abstürzt. Wir stiegen auf einem 20 n1 langen, horizontalen Bande nach links aus den Felsen, um bald auf Schnee, bald auf Fels und durch Eisrinnen am linksseitigen Gletscherrande, zuletzt

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