Königsspitze – Gran Zebrù 3851 m

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Die Königsspitze – Gran Zebrù, 3851 m, ist unfraglich der schönste Gipfel der Ortler­gruppe, eine wahrhaft herrliche Berggestalt, die in den ganzen Alpen wenig ihres­gleichen findet. Sehr verschieden ist das Bild, das der prächtige Berg dem Beschauer je nach dessen Standpunkt bietet. Von Sulden und dessen rechtsseitigen Berghängen erscheint er als mächtige, fast ganz aus Eis und Firn aufgebaute Wand mit gerundeten Kanten und schön geschwungener Kuppe; diesem Eindruck entspricht der Name Königswand; mit dem die Suldner ihn bezeichneten. Als eine wahrhaft königliche, spitze Pyramide mit ganz regelmäßigen Steilkanten stellt er sich dem Beschauer von Osten dar. So erblickten ihn die Marteller und nannten ihn daher mit dem Namen, der sich durchgesetzt hat, Königsspitze. Vielgefurchte Steilwände von unregelmäßiger Form kehrt er nach Süden dem Val Zebru zu, nach dem er früher Zebru, oder zum Unterschied von seinem östlichen Nachbarn Großer Zebru benannt wurde. Den in nordwestlicher Richtung streichenden Hauptkamm des Bergs stützen nach Nord­osten bzw. Norden zwei Querriegel, die in mächtigen Felssockeln auf dem Eise des Suldenferners aufsitzen. Der südliche wird meist als Ostgrat, auch wohl Nord­ostgrat bezeichnet. Für die von der Schaubachhütte deutlich sichtbare Kuppe des nördlich streichenden Quergrats ist in Sulden der Name Mitscherkopf gebräuch­lich, und man könnte ihm demnach den Namen Mitscherkopfgrat geben. Zwischen diesen beiden Quergräten ist der Königswandferner eingebettet, der in wilden Eis Katarakten zum Suldenferner abfällt; die dem Zebrutal zugekehrte, großenteils felsige Südwand des Bergs entbehrt solcher ausgesprochenen Widerlagen. Wohl streichen von ihren Kanten zwei Querriegel nach Süden, die die zwischen ihnen eingelagerte kleine Vedretta della Miniera östlich vom Cedegletscher, westlich vom Zebruferner trennen, im Westen der Zug der Cima della Miniera, im Osten der der Cima Pale Rosse; aber diese führen nicht zum Gipfel empor, sondern verlieren sich in der Wand, bilden also auch keine Zugänge zu dem Berge.

Es ergeben sich danach vier Gratwege : 1. Über den Südostgrat, 2. über den Ost­grat, 3. über den Nord- oder Mitscherkopfgrat, 4. über den gewöhnlich als Sulden­grat bezeichneten Nordwestgrat. Nr. 3 und 4 laufen allerdings in ihrem letzten Teil zusammen und werden daher auch als Varianten einer Route angesehen. Außer­dem ist die Königsspitze über die Nordostwand, die Südseite und die Südwestflanke mehrfach erstiegen worden. Die weitaus begangenste Route ist die, die Tuckett gelegentlich seiner Besteigung des Bergs im Abstieg ausgeführt hat. Auf ihr erreichte auch ich zum ersten Male im Jahre 1892 den Gipfel.

Es war drei Tage nach der festlichen Einweihung der Düsseldorferhütte – Rifugio Serristori, als ich mit zwei befreundeten Sektionsgenossen das uns schnell vertraut gewordene gast­liche Sulden verließ, um über Sa. Caterina zum Adamello zu wandern. Wir hofften bei dieser Gelegenheit aber noch einen der Gipfel des Suldentals »mitzunehmen«, und zwar hatte der eine von uns dafür den Cevedale bestimmt, Dr. Lausberg und ich die Königsspitze, zu der wir während unseres Suldner Aufenthalts gar oft be­gehrlichen Blicks emporgeschaut hatten. Vorläufig schien es allerdings um die Aus­führung dieser Pläne recht zweifelhaft bestellt zu sein. Während des Aufstiegs zur Schaubachhütte verschlechterte sich das Wetter, das schon die Tage vorher sehr unbeständig gewesen war, zusehends; es begann stärker und stärker zu regnen, und als wir an der Hütte anlangten, hatten sich die Wolken so verdichtet, dass von der mit Recht gepriesenen Schönheit der Hüttenumgebung nicht das mindeste zu sehen war. Auch als wir zur Ruhe gingen, waren die Wetteraussichten noch sehr un­günstig, und ich sah uns schon im Geiste am andern Morgen in langen Kolonnen mit regenschweren Mänteln über den Eisseepaß und das Langenfernerjoch nach Sa. Caterina ziehen. Um so angenehmer war ich überrascht, als um halb zwei Uhr ein Führer den Schlafraum betrat und verkündete: »Ka Wölkerl am Himmel.« So waren denn wieder einmal die Sorgen umsonst gewesen. Rasch erhoben wir uns, vollendeten in kurzer Zeit die sehr einfache Hüttentoilette, nahmen das pünktlich bereitstehende Frühstück ein und traten hinaus in die wunderbar schöne, sternhelle Nacht. Beim Schein der Laterne ging es zunächst abwärts zur Moräne, sie wurde überquert und sofort auf der andern Seite der Suldengletscher betreten, der nun nach Süden in der Richtung auf das Königsjoch verfolgt wird. Der erste Teil der Gletscherwanderung ist ganz harmlos, Spalten sind kaum vorhanden; um so un­gehinderter können wir die ergreifende Schönheit dieser mühelosen Wanderung genießen und die im hellen Mondschein schimmernden weißen Bergeshäupter be­wundern. Die tiefe Stille, die hier herrschte, wurde nur einmal unterbrochen durch

Kreilspitze 3391 m

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Infolge der vorerwähnten Weigerung Pinggeras machte ich die Bekanntschaft der Kreilspitze, 3389 m, erst sieben Jahre später, als ich mit Dr. H. Lorenz einen gemein­samen Bekannten auf die Königsspitze führte, denn zu einer Einzelbesteigung des Bergs konnte ich mich nie entschließen, obschon ich seine schönen symmetrischen Linien vom Tale aus oft und gern bewundert hatte. Ich lernte damals auch nur den west­lichen Aufstieg zur Kreilspitze, den vom Königsjoch, kennen. Hier ließen Dr. Lorenz und ich unseren Gefährten zurück und erstiegen in 20 Minuten den Gipfel über den Westgrat. Er ist unschwierig, aber durchaus nicht ungefährlich wegen der großen Brüchigkeit der Felsen. Selbst die größten Blöcke sind locker und müssen sehr be­hutsam behandelt und vorher auf ihre Festigkeit geprüft werden. Zweifellos ist diese schlechte Beschaffenheit der Felsen in einer oder der anderen Weise schuld an der Katastrophe, der am 18. Juli 1900 ein tüchtiger Tourist, der Berliner Turnlehrer Weigand, und der bekannte Zillertaler Führer Moser zum Opfer fielen. Für etwas schwieriger als der Zugang vom Königsjoch gilt der über den Ostgrat von der Scharte zwischen Kreilspitze und Schrötterhorn. Payer hat diesen 3245 m hohen Kamm­einschnitt Passo Forno genannt, weil seine Besteigung der Königsspitze, gelegentlich deren er das Joch überschritt, in der Malga Forno endigte. Diese Bezeichnung ist aber sehr entlegen; berechtigter und treffender ist die ebenfalls übliche Bezeichnung Cedepaß. Er ist von der Vedretta di Cede über sanfte Firnhänge und Blockwerk unschwer zu erreichen; beschwerlich ist der Anstieg von Norden über eine steile Eis- und Schneewand. Die drei bisher besprochenen Gipfel laden wegen der schwachen Schartung des sie verbindenden Kamms, und weil sie eine Einzelbesteigung nicht recht lohnen, förmlich zu einer Vereinigung ein, besonders seitdem in der Halleschen Hütte auf dem Eisseepaß ein denkbar günstiger Ausgangspunkt für diese Tour ge­schaffen ist, so dass sie sich in etwa drei Stunden ausführen lässt. Sie wird denn auch in neuerer Zeit als Zugang zum Königsjoch bezw. der Königsspitze, oder auch zum Val Cede und Val Zebru nicht selten unternommen und ist deshalb in den Führer­tarif aufgenommen.

Suldenspitze 3375 m

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Der östlichste Gipfel des Kamms ist die Suldenspitze, 3375 m, die ihren Namen mit Recht führt, insofern sie genau in der Verlängerung der Tal Achse steht und so mit ihrem westlichen Nachbarn, dem Schrötterhorn, den südlichen Tal­hintergrund von Sulden bildet. Sie ist deshalb ein ausgezeichneter Orientierungs­punkt für das Gebiet des Suldenferners und wurde zu diesem Zwecke von Payer zuerst besucht. Am bequemsten zugänglich ist die Spitze über den sanften Firn-rücken vom Langenfernerjoch; ziemlich steil und ohne längeres Stufenhauen nicht zu überwinden ist der Nordgrat des Bergs, der sich zum Eisseepaß senkt. Bequem ist dagegen wieder der Zugang über den Westgrat von der Janniger Scharte aus. Man erreicht diesen wenig markanten Kammeinschnitt, der als Übergang kaum be­nutzt wird, am leichtesten vom Cedehgletscher (Ghiacciaio di Cedèc) aus; der nördliche Anstieg vom Suldengletscher ist steil und ohne längere Eisarbeit kaum auszuführen. Von der Scharte, die nach Janniger, einem Führer Mojsisovics, benannt worden ist, führt ein leichter Grat östlich zum Schrötterhorn, 3380 m. Ebenso leicht lässt sich dieser Gipfel über seinen Ostgrat vom Fornopaß aus erreichen; etwas schwieriger, aber weit schöner und lohnender ist der Anstieg über den Nordgrat, der sich in schöner S förmig geschwungener Linie zum Suldengletscher hinabsenkt und zuerst 1882 von O. Baumann mit Jos. Reinstadler benutzt wurde. Er diente auch mir als An­stieg bei einer Tour, die ich im Jahre 1893 halb wider Willen unternahm. In Ge­sellschaft meines Freundes Dr. Lausberg und eines Frankfurter Herrn hatte ich die Nacht auf den 28. August in der Bäckmannhütte zugebracht, um der Thurwieser­spitze einen Besuch abzustatten. Da aber das Wetter am Morgen zweifelhaft war, erklärten unsere Führer A. Pinggera und Jos. Reinstadler die Besteigung für un­tunlich. Dr. Kierberger und Lausberg planten dann den Aufstieg zum Ortler über den Hinteren Grat; Reinstadler war dazu geneigt, nahm aber auf einen Wink Ping­geras seine Zustimmung zurück. Schließlich einigten wir uns auf Schrötterhorn und Suldenspitze, nachdem Pinggera meinen Vorschlag, wenigstens die Kreilspitze in die Wanderung einzubeziehen, verworfen hatte. 5 Uhr 10 Minuten verließen wir die Hütte, überstiegen die Moräne des Suldenferners und querten diesen in süd­licher Richtung. Ein gutes Stück war unsere Route identisch mit dem Weg zum Königsjoch, auf dem wir frische Fußspuren entdeckten; dann bogen wir östlich ab zum Fuß des Nordgrats des Schrötterhorns. Der erste Anstieg zum Grat ist sehr steil, besonders an der Randkluft, und es bedurfte zahlreicher Stufen für Fuß und Hand, die Pinggera mit bemerkenswerter Geschicklichkeit und Schnelligkeit her­stellte. So wurde der Grat erreicht, auf dem sich der weitere Anstieg vollzieht. Er ist nicht sonderlich steil, aber schmal und fällt nach beiden Seiten jäh ab, so dass seine Begehung immerhin Schwindelfreiheit und sicheren Tritt verlangt. Oben erforderten große, nach Norden überhängende Wächten Vorsicht. Die aus Felstrüm­mern bestehende, wenig Raum bietende Spitze verließen wir bereits nach einer Minute, 7 Uhr 50, weil es schneite und empfindlich kalt war. Wir betraten nun­mehr den Grat zur Suldenspitze. Einige vereiste Hänge, die gequert werden mussten, nötigten zu kurzem Stufenschlagen; sonst ist die Wanderung bequem. 35 Minuten nach dem Verlassen des Schrötterhorns standen wir auf der Suldenspitze. Auch hier gestattete die Witterung keinen Aufenthalt. Alois Pinggera, der bemerkte, dass uns die Tour nicht sonderlich behagte und uns versöhnlich zu stimmen suchte, schlug nun vor, den Nordgrat zu begehen, der nach seiner Behauptung im Abstieg noch nicht begangen worden war. Das war ein Irrtum, denn Dr. Christomannos hatte, wie wir später erfuhren, diesen Abstieg bereits ausgeführt; aber er war darum nicht weniger interessant und söhnte uns in der Tat einigermaßen mit der Aufgabe unseres ur­sprünglichen Plans aus. Die seitlichen Hänge sind nicht besonders steil, aber er senkt sich in seinem oberen Teil rapid und erfordert hier unausgesetztes Stufenschlagen. Nach einer halben Stunde war die Steilpartie überwunden, und nun ging es in flottem Tempo hinab zum Eisseepaß. Auf einem Gratfelsen oberhalb des Jochs rasteten wir und bemühten uns dreiviertelstundenlang, mit unseren für eine viel längere Tour berechneten Vorräten fertig zu werden. Um 9 Uhr 50 Min. stan­den wir von diesem aussichtslosen Beginnen ab, und übermütig geworden durch reichliche Nahrung und reichlichen Trunk, liefen wir in flottem Tempo über die Hänge des Suldenferners, seine zahlreichen Spalten in weiten Sätzen überspringend, in 50 Minuten zur Schaubachhütte und weiter nach Sulden hinunter.

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