Lost Arrow – erste freie Begehung der Nadel – Yosemite Valley

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Der Lost Arrow — eine knapp hundert Meter hohe, freistehende Felsnadel aus gelbbraunem Granit. Hoch über dem grünen Tal des Yosemite Valley. Abschreckend steil, unnahbar, unbezwingbar — eine Herausforderung Generationen von Kletterern. John Long berichtet über die aufregende erste freie Begehung der Nadel und erzählt vom spannenden Kampf um die Erstbesteigung im Jahre 1947.

Schon vor Jahrzehnten gab es die ersten Besteigungsversuche an der knapp hundert Meter hohen Granitnadel.

August 1935: Richard Leonard, der Bezwinger der Cathedral Spires, war der erste, der eine Besteigung des Lost Arrow für möglich gehalten hat. Nach einer Erkundung erkannte er aber die Aussichtslosigkeit seines Planes und gab auf.

Lost ArrowAugust 1946: John Salathé, ein 47 Jahre alter Schweizer Schmied, blies zum erneuten Angriff auf die Nadel. Doch seine Freunde ließen ihn im Stich, und so beschloß er, allein einen Versuch zu wagen. Kurz entschlossen seilte er sich gute 75 Meter in die Scharte zwischen den Spire und das Hauptmassiv ab. Von dort kämpfte er sich im kühnen Alleingang an der erschreckend ausgesetzten Talwand der Nadel empor. Bis auf ein kleines Band, das später ihm zu Ehren „Salathé Ledge“ benannt wurde. Aber es war schon spät, und so blieb ihm nur der Rückzug. Eine Woche später versuchte Salathe wieder sein Glück, diesmal aber zusammen mit John Thune. Knapp 20 Meter unter dem Gipfel mußten sie aufgeben. Das Rißsystem verlor sich in glatten Platten, der Meißel für die nötigen Bohrhaken war schon nach zwei Löchern stumpf. Aber die beiden Bergsteiger wußten nun, daß der Arrow nicht unbezwingbar war.

3. August 1947: Der Beinaheerfolg von Salathé versetzte die Konkurrenz in Alarmzustand. Anton Nelson, Jack Arnold, Fritz Lippmann und Robin Hanson gelang kurz darauf die Erstbesteizung. Aber nicht etwa in klassischem Kletterstil! Die vier bedienten sich vielmehr einer kamikazeartigen Seilwurtrchnik, die einem noch im nachhinein die Haare zu Berge stehen läßt!

Aber — kaum zu glauben — der kühne Plan ging auf. Jack Arnold war nach ziner Horrorhangelpartie der erste Kleterer, der den kühnsten Gipfel des Yosemnite betreten konnte.

Labor Day 1947: Man hatte Salathé den Erfolg vor der Nase weggeschnappt — so glaubten die Erstbegeher zumindest. In Salathés Augen aber hatte die todesmutige Zirkusakrobatik nichts mehr mit Klettern zu tun. Nelson verteidigte sein Husarenstück mit der Begründung, daß der Arrow anders sowieso nicht zu bezwingen sei. Salathé wollte das Gegenteil beweisen. Zusammen mit seinem „Gegner“ Nelson mobilisierte er noch einmal seine ganze Energie und kämpfte sich zu seinem letzten Umkehrpunkt hinauf. Acht weitere Bohrhaken mußten in den eisenharten Fels getrieben werden. Dann legte sich die Wand zurück. Diesmal mußte er nicht wieder umkehren, in heikler Reibungskletterei bezwang Salathé die kegelförmige Spitze der unmöglichen Felsnadel.

Der Erstbesteiger stand somit fest. Aber eine Bezwingung der Nadel in Freikletterei hielt niemand für möglich — bis zum:

26. August 1984: Dwight Brooks, Bob Gaines und ich seilen uns in die Scharte zwischen Nadel und Hauptmassiv ab. Bob ist besessen von der Idee, den Lost Arrow in reiner Freikletterei, also ohne technische Hilfsmittel, zu bezwingen. Wir haben uns von seinem Optimismus mitreißen lassen. Bob geht die erste Seillänge an. Kraftvoll spreizt er eine Verschneidung empor. Die Hände klemmen in einem Riß, der den gelben Granit durchzieht. Noch ein letzter Zug, und Bob erreicht den ersten Standplatz. Die nächste Seillänge gehört mir. Durch einen unangenehmen Körperriß arbeite ich mich auf das „Salathé Ledge“ hinauf. Dwight quert nach links in die ausgesetzte Wand. Zur Sicherung nur ein alter Klemmkeil mit angerissener Schlinge — nicht besonders vertrauenerweckend! Unsere Augen hängen gespannt an ihm. Nur jetzt keinen Sturz! Noch einige bange Minuten, dann hat Dwight den sicheren Schlingenstand erreicht.

Über uns bäumt sich die letzte Seillänge auf — eine Bohrhakenleiter durchzieht die steile, kompakte Gipfelwand. Für uns das große Fragezeichen. Alle Seillängen konnten bisher ohne Hakenhilfe frei erklettert werden. Nur die „headwall“ mit Salathés alten Bohrhaken hat bisher alle Versuche erfolgreich abgewehrt.

Ich schließe die Augen, lehne den Kopf gegen den Fels — ein letztes Sammeln, letzte Konzentration vor dem Angriff. Die ersten Meter gehen noch ganz gut. Kleine, scharfe Griffe. Schnell einen alten Bohrhaken einhängen. Und weiter hinauf zu einem kleinen Überhang, der vermutlichen Schlüsselstelle. Ein hoffnungsvoller Blick nach oben. Ein seichter Riß zieht durch die Platte, damit könnte es gehen. Ein etwas zaghafter Versuch, unbeholfenes Schnappen der Hände. Nein — keine Kraft mehr, die Finger geben nach — Sturz.

Ein neuer Versuch, ein neues Glück! Besser als das erste Mal erreiche ich die Rißspur. Aber nun hänge ich hier in recht hilfloser Stellung, total überstreckt. Ein letzter verzweifelter Versuch — eine mehr instinktiv gesteuerte Abfolge von recht hektischen Kletterbewegungen. „Mensch, du schaffst es!“ Moralische Unterstützung durch die Freunde. „Scheiße, gleich flieg ich …“ Langsam fangen die Schuhe zu rutschen an, wollen ihren Dienst quittieren. Alles oder nichts! Die rechte Hand schnellt reflexartig um eine runde Kante. Da ist er, der rettende Supergriff.

Nun ist es gelaufen. Ein Freudenschrei bei den Freunden — er hallt von den Felswänden zurück. Der Lost Arrow hat soeben seine erste freie Besteigung erhalten.

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