Die zweite Begehung des Pelmo Nordsporns – Civettagruppe – Belluno – Dolomiten

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Der Pelmo, massiger Dolomitenklotz nordöstlich der Civettagruppe, fristet ein Dornröschendasein im Reigen der klingenden Dolomiten­gipfel, nicht zuletzt wegen seines teils unzuverlässigen Gesteins und der meist hochalpine Ansprüche stellenden Routen; allein die klassische „Rossi/Simon-Führe“ durch die Nordwand wird hin und wieder besucht. Bei seiner Arbeit als Führerautor gelang Richard Goedeke die zweite Begehung des Nordpfeilers, gleichzeitig die erste freie Durchsteigung dieser Route. (Der Führer „Pelmo-Sciara-Bosco­nero“ erscheint voraussichtlich im Sept. 1980 beim BV Rother, München.)

Es ist noch Nacht, Sorapis und Antelao liegen im Mondlicht, zerfaserte Wolken deuten Luftbewegung von Norden an. Und es ist lausig kalt. Das Wetter scheint sich erholt zu haben, Wir können gehen. Die Wahl des Rifugio Venezia ist ein Kompromiß mit den Wanderwünschen der Frauen und Kinder gewesen. War­um sollen überschüssige Kräfte nicht dazu ausreichen, um eine Nordwand von Süden aus anzugehen?monte pelmo 01

Natürlich würde auch Moritz lieber erst einmal die klassische Nordwandroute machen. Aber seine kurz vor den Ferien beim Fußballspielen (beim Fußballspie­len?!) ramponierte Schulter dürfte da Ärger machen. Wir gehen deshalb hin­über zum Nordsporn, er ist weniger schwierig als die Nordwand, und die Schwierigkeiten halten auch nicht so lange an. Außerdem habe ich von der Tour im Gegensatz zur „Rossi/Simon“ als Beschreibung für die immerhin 700 Meter nur einen Satz und eine schwung­volle Linie, die mir Freund Piero Som­mavilla neulich in ein Foto gesetzt hat. Das ist für einen Führermacher ein wei­teres Argument bei der Tourenwahl. Der Anstieg ist noch nicht wiederholt — da winkt sogar noch ein Stück Pionierro­mantik. Und obendrein wurde die Schlüsselstelle in künstlicher Kletterei überwunden. Das reizt uns im Stillen auch zu einem Versuch, die Tour ganz frei, auf „Rotpunkt“, zu packen, gerade weil es eine große, alpine Tour ist. An der Forcella di Val d’Arcia kommen im ersten Licht des Tages die Nord­abstürze in Sicht, eindrucksvoll steil, und hoch, und oben weiß überzuckert.

Wer hatte da vorhin noch den Nordwind gepriesen? Der Einstieg sollte irgend­wo seitlich der Fallinie eines frischen Ausbruches sein. Rechts oder links? Wo ist denn bloß unsere famose Be­schreibung und unsere schwungvolle Linie vergraben? Aber was soll’s? Da ist der Ausbruch, und da führt eine Riß-reihe hoch, ist doch ganz logisch.

monte pelmo topoErst Stunden später merken wir, daß man so zur Erstbesteigung direkter Ein­stiege kommt, vor allem, wenn man sich einer Wand von der Seite her nähert und keinen richtigen Überblick be­kommt. Aber das reut uns keinen Augen­blick. Wenn die Schwierigkeit auch sicher etwas größer war als beim Ori­ginaleinstieg, so hält sie sich doch gut im Rahmen der Gesamtführe, und die Kletterei ist schöner, direkter und lufti­ger. Diese Betrachtungen treffen wir auf einem etwas engen Stand in hübscher Luftigkeit an der gar nicht klar ausge­prägten Pfeilerkante. Auch der jetzt doch ausgegrabene Beschreibungssatz und die schwungvolle Linie geben nicht mehr Hinweise, als daß die Hauptbewe­gungsrichtung nach oben sein soll. So steigen wir eben, wo es gerade geht. Wie wir erst drei Tage später erfahren, diesmal weiter rechts als Vasco und seine Freunde. Zwar bekommen wir in dieser zweiten Variante oben einen recht handfesten Kamin serviert, aber die Kletterei ist interessant und gut mit Keilen und Schlingen zu sichern. So haben wir allmählich bald den halben Pfeiler unter uns, ehe wir endgültig auf die Originalführe münden.

Tja, und das ist die A-Stelle! Moritz grinst mich vom Stand aus an: „Und das wird sie wohl auch bleiben.“ An sich kürzer, als ich mir vorgestellt hatte, aber herzhaft. Auch an der schwächsten Stelle des Gürtels aus Überhängen prangt immer noch ein strammes Dach, darin ein Riß, geziert von einem Holz­keil, einziges Souvenir der Erstbegeher. Moritz hat die Sache wohl schon richtig eingeschätzt. Immerhin, ich bin dran. Nach der Übergabe des Rucksacks kommt schon wieder etwas Auftrieb. Zö­gernd steige ich los. Kurz unter dem Dach ein guter Klemmkeil, am Dach noch einer, zusätzlich noch der Holz­keil — die Sicherung ist optimal. Ein Blick hinab zu Moritz. Mein Publikum sitzt bequem und verfolgt das Gesche­hen mit fachkundiger Aufmerksamkeit.

monte pelmo 02Die rechte Hand tastet von unten in den Dachriß, klemmt, ich spreize die Ver­schneidung aus,. lehne mich raus, elend anstrengend. Im Klettergarten oder einer kurzen Tour kann man hinterher bald ausruhen. In einer Landschaft wie hier weiß man nie, was so noch alles kommt … Noch geht es. Die rechte Hand hoch im Riß klemmen, diesmal schlecht, Stiefelspitzen trippeln höher, gerade noch an der Wand, der ganze Körper gespannt im Überhang, höher greifen — der Count-Down läuft an, einige schnelle Züge, geschafft. Beifall aus dem unteren Rang, Stimmung.

Trotzdem muß klargestellt werden: Nicht die gymnastische Leistung der freien Erkletterung der Schlüsselstelle ist die wesentliche Anforderung der Tour. Zu­mal man sie durch die Benutzung einer Leiter im Handumdrehen aus der Welt schaffen könnte. Viel schwerer wiegt die Ernsthaftigkeit der gesamten Kletterei. Der Fels ist gut, jedoch für Dolomit recht griffarm. Klemmkeile lassen sich zwar hier und da legen, aber die Felsneigung entwertet die Sicherungspunkte, weil ein Sturz auch Aufschlagen bedeuten würde. Obendrein liegt auf Bändern und Absätzen noch allerlei Schutt, und es bedarf großer Vorsicht und ständiger Konzentration, wenn der Vorsteiger den Zweiten nicht ständig mit Steinen ärgern will. Es tut gut, solch eine Route mit einem alten Freund zu steigen. Vor zwanzig Jahren sind wir drüben in der Civette zum ersten Male zusammen ge­klettert. „Torre di Valgrande, weißt du noch …?“ Eine schöne ruhige Atmo­sphäre bei dieser Tour. Der Vorsteiger hat den Eindruck, daß er sich beeilt und zügig steigt, aber das Legen der Keile und Schlagen der Standhaken dauert seine Zeit und der Sichernde ist doch immer wieder durchgefroren. Die Wol­ken hängen tiefer. Plötzlich wirbeln Schneeflocken um uns, die Kälte ist also nicht bloß Einbildung. Immerhin sind wir jetzt weit oben und das Ende der Schwierigkeiten kann nicht mehr weit sein. Noch zwei stramme Seillängen im fünften Grad, dann eine Querung nach links, schöne Wandstufen. Der Fels legt sich allmählich deutlicher zurück, und sogar die Sonne blinzelt durch monte pelmo 03die Wol­ken. Wie aus Bosheit sucht gerade hier noch ein Stein ein Seil. Natürlich das neue, dicke … Der Mantel ist zerschla­gen, die weißen Innenfasern sind sicht­bar. Und ganz dicht an der Seilmitte. Aber was hilft schon der Zorn über die Tücke des Objekts — es gibt schlimmere Zwischenfälle. Und zum Glück ist die Versicherung bezahlt …

Das Gelände wird leicht. Hier stiegen schon vor über 80 Jahren von links her durch die Wandeinbuchtung die Führer Dibona, Dimai und Colli mit den Eng­ländern Phillimore und Raynor herauf, ganz schön verrückt. Auch mit den heu­tigen Sicherungsmitteln wäre der rote Bruch da unten alles andere als einla­dend. Unser Anstieg leitet zuletzt durch die gleiche Kaminrinne zum Grat. Nur mit dem Mangel, daß wir heute noch keine Gelegenheit bekamen, uns an Bruch zu gewöhnen. So wirkt das Finale eindrucksvoll, zumal hier oben der Schnee zusätzliche Unerfreulichkeiten bereitet. Man sollte zu Hause doch noch mehr in Steinbrüchen klettern … auch im Winter … Und dann ist die Wand zu Ende, der Gipfelgrat, der Blick ins Kar der Südostseite. Wir haben zwar lange gebraucht, aber dafür auch nirgends ge­hudelt und Sicherungen vernachlässigt. Und eigentlich freuen wir uns über so eine Tour noch genauso wie vor zwanzig Jahren. Etwas ruhiger vielleicht. Da werden auch immer wieder die Erinne­rungen wach an andere erlebnisreiche Tage, bremsend manchmal, wenn es ris­kant wird, besonders schön, wenn es gemeinsame Erinnerungen sind. „Weißt du noch …?“

Wir eilen das Kar hinab. Unten werden wir erwartet. Ganz zur Ruhe kommer wir erst, wenn wir in der Hütte sind be den Familien.

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