Eroberer der Dolomiten

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Es ist reichlich vermessen und einseitig dazu, unter „Eroberer der Dolomiten“ nur sechs Bergstelger vorzustellen, denn um
geoecht sein zu wollen, müßte man mindestens sechs Bergstelger von jeder Generation behandeln, und auch dann würden
n
och Lücken aufklaffen. So kann es slch hler nur um eine kleine Auswahl handeln, um Männer, die in ihrer Zelt sehr deutliche Spuren hinterlassen haben in den Dolomiten.

Fulgenzio Dimai (* 23. Mai 1821, t 29. März 1904 Cortina d’Ampezzo) war zu­nächst passionierter Gemsjäger, wie die meisten „Bergführer“ in der Dolomiten-Frühzeit, und wurde dann von dem Wie­ner Ostalpen-Erschließer Paul Grohmann als zuverlässiger Mann mit überdurch­schnittlichen bergsteigerischen Fähigkei­ten entdeckt. Fulgenzio Dimai war Paul Grohmanns Führer 1864 bei der Erstbe­steigung der Marmolada di Penia, dem Haupt- und heutigen „Sommergipfel“, wobei immerhin Schwierigkeiten des II. Grades auftraten. Und der Gipfel hatte „den Ruf der Unersteigbarkeit“, wenn man die Stimmen der umwohnenden Bergführer und ein paar fulgenzio dimaimißglückte Ex­peditionen als entscheidend gelten las­sen will. „ … ich war entschlossen, die­ser Unmöglichkeit ein wenig den Puls zu fühlen,“ schrieb Paul Grohmann, der sich über seine beiden Führer, zu denen auch Angelo Dimai, Fulgenzios jüngerer Bruder, gehörte, leider nicht ausgelas­sen hat. Aber das Unternehmen führte auf Anhieb zum Erfolg, und das spricht für die beiden Dimai, die Groh­manns Vertrauen besaßen. Die Erstbe­steigung erfolgte von Pieve di Livinal­longo aus, führte über die Forcella Pa-don — im nördlich der Marmolada vor­gelagerten Grat — und dauerte insge­samt zwei Tage. Ein Jahr später (1865) führte Fulgenzio Dimai mit Paul Groh-mann auch die Erstbesteigung des Mon­te Cristallo aus, und setzte durch diese Leistung entscheidende Akzente der bergsteigerischen Idee unter den Am­pezzanern, die sich fortan durch her­vorragende Unternehmungen hervor­getan haben. Angelo Dimai war denn auch der Großvater des berühmten Bru­derpaares Giuseppe und Angelo Dimai, die mit Emilio Comici die Große-Zinne­Nordwand bezwangen (1933).

Alvise Andrich (* 2. März 1915 Vallada bei Falcade, Prov. Belluno, t 17. Okto­ber 1951 als Flugzeugpilot bei Introdac­qua) gehörte zu den kühnsten Vertre­tern der ersten „Sesto-Grado“-Ära in den Dolomiten, nachdem die Deut­schen Gustav Lettenbauer und Emil Soll­eder mit der Bezwingung der Civetta-Nordwestwand (1925) einen wichtigen Meilenstein des VI. Grades in den Dolo­miten gesetzt hatten — damals war AI-vise, der von seinem Heimatdorf die „Wand aller Wände“ jeden Tag alvise andrichsehen konnte, gerade zehn Jahre alt. Alvise Andrich war noch keine zwanzig, als er die Reihe seiner großartigen Erstbege­hungen eröffnete: Torre-Venezia-Süd­westkante, Cimone-della-Pala-Südwest­wand und vor allem die 900 Meter hohe Nordwestwand der Punta Civetta (alle 1934), die heute noch zu den schwierig­sten Civetta-Routen gehört und weitge­hend Freikletterei bietet. Man muß hier auch einen Gedanken an die damals ge­bräuchliche Ausrüstung verschwenden: ein 30 Meter langes Hanfseil (12 mm , das in einem Wettersturz ein halbes To­desurteil war, Kletterpatschen mit Man­chonsohlen, für die Nässe und Erde Gift waren, dazu miserable Eisenhaken und -karabiner, über deren Festigkeit man so gut wie nichts wußte. Ein Jahr später glückte die 800 Meter hohe West­kante an der Cima de Gasperi, eben­falls in der Civettagruppe, die sich nicht nur als äußerst schwierig, sondern we­gen der Brüchigkeit auch als ungewöhn­lich gefährlich erwies — auch heute wird der Anstieg nur höchst selten begangen. Zu Alvise Andrichs Partnern gehörten vor allem sein Bruder Giovanni (1902-1972), Ernani Fae, heute in New York, und Furio Bianchet.

Raffaele Carlesso (* 15. September 1908 Pordenone), Textilgroßhändler in Por­denone, ist ein wahres Kletterphänomen, das auch „Rotpunktkletterer“ in unserer Zeit noch gut und gern bewundern kön­nen. Carlesso setzte in den Dolomiten Marksteine des „Sesto Grado superiore“ (VI+), und das bereits in den dreißiger Jahren. Seine Anstiege wurden bei uns erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt, vor allem durch Georges Livanos, dem die ersten Wie­derholungen zufielen und der sich mit großem Respekt darüber äußerte — al­len voran die 600 Meter hohe Südwand des Torre Trieste, an der sich auch gu­te Kletterer unserer Zeit noch raffaele carlessodie Zähne ausbeißen, und es kommt nicht selten vor, daß hier Kletterer mit erstklassigen Reibungskletterschuhen schon in der zweiten Seillänge abblitzen. Die Südwand glückte Carlesso zusammen mit Bartolo Sandri bereits 1934, also ein Jahr nach dem Comici-Dimai-Erfolg an der Großen-Zinne-Nordwand, und das bei unver­gleichlich größerer Schwierigkeit; Sandri ist vier Jahre später (1938) in der Eiger-Nordwand tödlich verunglückt. Auch die Erstbegehung der 400 Meter hohen Nordwestwand des Torre di Valgrande (1936) zusammen mit Mario Menti — er verunglückte mit Sandri in der Eiger-wand — erregte damals in den Dolomi­ten großes Aufsehen, auch wenn es sich hier vorwiegend um künstliche Kletterei handelt, allerdings um sehr elegante, die heute noch beliebt ist. Ungewöhnlich sind Carlessos „späte“ Unternehmun­gen: im Sommer 1961 eröffnete er in der überhängenden Ostwand des Cam­panile di Val Montanaia eine äußerst schwierige Direktroute, im gleichen Jahr beging er die Große-Zinne-Direttissima. und auch 1979 sah man ihn noch in äußerst schwierigen Routen!

Lino Lacedelli (* 4. Dezember 1925 Cor­tina d’Ampezzo), Bergführer und Sport­geschäftbesitzer in Cortina, gehört zu den führenden Männern der fünfziger Jahre. Er war es, der die Cortineser ,,Scoiattoli“ (Eichhörnchen) zu unge­wöhnlichen Leistungen mitgerissen hat­te. Sein bedeutendstes Dolomiten-Unter­nehmen war zweifellos die Erstbegehung der 500 Meter hohen Südwestwand an der Cima Scotoni (1952), von der man bis dahin nicht einmal den Gipfelnahmen richtig kannte, und die lino lacedelliauch heute noch sehr hohes Ansehen genießt. Neben vie­len anderen Lacedelli-Routen ist es vor allem die überhängende Nordwestkante an der Westlichen Zinne — die Scoiatto­li-Kante —, die 1959 großes Aufsehen er­regte. Das war ein Jahr nach dem spectakulären „Wettkampf“ an der Westli­chen-Zinne-Nordwand, als die Scoiattoli — leider unter Initiative von Lacedelli — den Schweizern Albin Schelbert und Hu­go Weber den „Schweizerweg“ streitig machen wollten. Die Scoiattoli-Kante rückte das Ansehen der Cortineser — und das Lacedellis — wieder ins rechte Licht. Lino Lacedelli hat auch außerhalb seiner Dolomitenheimat tüchtig mitge­mischt, was außergewöhnlich ist, denn die wahren Söhne der Dolomiten blieben meist im Lande. Lacedelli unternahm 1951 die erste Winterbegehung der Grand-Capucin-Ostwand im Montblanc­gebiet und startete Ende der fünfziger Jahre sogar einen Eigerwand-Versuch. Weltberühmt wurde er 1954 durch die Erstbesteigung des K2 (8611 m), zusam­men mit Achille Compagnoni. Aber er war auch nach diesem großen Erfolg kein Star, sondern konnte sich auch danach noch an großen Dolomitenwänden be­geistern — er ist der Alte geblieben.

Armando Aste (* 6. Januar 1926 Isera/ Trento), Industriearbeiter in Roveredo/ Trento, gehört ohne Zweifel zu den fin­digsten und beständigsten Dolomiten-Erschließern der fünfziger und sechziger Jahre, ihm glückten eine ungewöhnlich große Zahl imposanter Erstbegehungen. An der Marmolada-Südwand zum Bei­spiel genießt seine „Via dell’Ideale“ (1964) heute noch großes Ansehen, und sie bildete auch den Anfang der neuen Erschließungsphase in diesem Gebiet. Am benachbarten Piz Serauta, der östli­chen Verlängerung der Marmolada, hat Aste ebenfalls bedeutende Erstbegehun­gen in der Südwand ausgeführt: die armando asteAste/Gross-Route (1958), die Aste/Na­vasa (1960) und die Aste/Solina (1961), alles Anstiege des VI. Grades mit idea­ler Linienführung, auch wenn für heuti­ge Begriffe zuviel Hakenmaterial ver­wendet wurde. Zu seinen ganz frühen und großen Erstbegehungen gehört die Aste-Verschneidung an der Nordwest-wand der Punta Civetta, die ihm 1954 mit dem unvergessenen Fausto Susatti geglückt war — ein ideales Gegenstück zur Andrich/Fae-Route in der gleichen Wand. Weitere bemerkenswerte Neu­fahrten: Pratofiorito-Ostwand Cima-d’Ambiez-Südwand (Via Concordia), die er auch als Alleingeher bewältigte; die Große Verschneidung am Crozzon di Brenta. Armando war begeisterter Al­leingeher: Croz dell’Altissimo (Steger), Campanile Basso (Graffer), Torre-Ve­nezia-Südwand (Tissi) und Rotwand-Südwestwand (Hasse-Brandler). Aste bezwang als erster Italiener die Eiger-Nordwand und führte in Patagonien die Erstbesteigung des südlichen Painetur­mes aus. Armando Aste ist Mitglied des Club Alpino Accademico Italiano und der Hochtouristengruppe „Bergland“.

Enzo Cozzolino (* 9. Februar 1949 Trie­ste, t 17. Juni 1972 Torre-di-Babele-Ost­wand/Civettagruppe) war ein echter Bergsteiger-Komet, dem ungewöhnliche Leistungen glückten; leider ist es be­kannt, daß Kometen nur ganz kurz die Welt erleuchten. Cozzolino war vor allem begeisterter Alleingeher, dem große Routen in bewundernswert kurzen Zei­ten glückten, zum Beispiel die Monte­Agnér-Nordwand, um nur eine zu nen­nen. Enzo Cozzolino war Student und trainierte eisern im enzo cozzolinoKlettergarten des Val Rosandra bei Triest, wo auch Emilio Comici mit dem Klettern vertraut worden war. Zu seinen ganz großen Erstbege­hungen gehört die „neue“ Cima-Scotoni­Südwestwand — die heutige Cozzolino-Route, oder „via faciri“ (siehe ALPINIS­MUS 6/79), die ihm, zusammen mit Fla­vio Ghio, mitten im Winter am 14. und 15. Januar 1972 glückte, mit nur zwölf Haken und in der unglaublich kurzen Kletterzeit von zwölf Stunden. Die Erst­begeher bewerteten ihre Route beschei­den mit VI, heute ist sie allgemein be­kannt als VI+ und gefährlich, jeder Wie­derholer ist beeindruckt. Enzo Cozzolino war ein fanatischer Gegner künst­licher Hilfsmittel und vor allem von Bohr­haken. Wenige Monate nach dem gro­ßen Erfolg an der Scotoni-Südwestwand wurde ihm ein ausbrechender Haken zum Verhängnis. Der Name Cozzolino steht hier auch für andere Vertreter der ganz jungen Generation, die in den Do­lomiten das Unmögliche möglich ge­macht haben: vor allem die Tiroler Rein­hard Schiestl, Ludwig Rieser und Heinz Mariacher, die sich in den Dolomiten im Schwierigkeitsgrad VII bewegen, auch wenn das manche Zeitgenossen nicht so recht begreifen wollen oder können.

  • enzo cozzolino

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 

 
 

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