Drachenflug vom Gasherbrum – FLUGHÖHE 8000

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Zweimal innerhalb von zwei Tagen mußte Jean-Marc Boivin den Gipfel des Gasherbrum besteigen, bis es ihm gelang, als erster Mensch mit dem Drachen von einem 8000er zu fliegen.

Is Jean-Marc Boivin zum erstenmal auf dem Gipfel des 8035 Meter hohen Gasherbrum II steht, verfliegt sein Traum, wird vom eisigen Wind verblasen.

Als erster will er mit dem Drachen von einem Achttausender starten. Doch bei dem orkanartigen Sturm mit Spitzenböen von bis zu 100 Kilometern in der Stunde ist nicht einmal an das Aufbauen zu denken.

Drachenflug vom Gasherbrum 00Waren alle Strapazen der zurückliegenden Wochen umsonst? Bleibt kein anderer Weg übrig, als das 16,8 Kilogramm schwere Fluggerät wieder mühsam hinabzutragen? So schnell will sich Jean-Marc nicht geschlagen geben. Bis fünf Uhr am Nachmittag warten seine Freunde mit ihm auf dem sturmumheulten Gipfel. Dann treten sie den Rückweg ins Lager an. Der Pilot harrt noch drei lange Stunden weiter aus, bevor auch er vor den Naturgewalten kapituliert. Den Drachen läßt er oben.

Auch bestens akklimatisierte und durchtrainierte Höhenbergsteiger lassen rund eine Woche Zeit zwischen zwei Besteigungen in dieser Höhe vergehen. Doch Jean-Marc Boivin kann sich diese Zeit nicht nehmen. Sein köhnes Vorhaben ist noch viel mehr vom Wetter abtangig, als es ein normaler Gipfelsturm auf einen Achttausender sonst schon ist Nur an zwei bis drei Tagen im Monat pfeift der Wind nicht mit 80 bis 150 Kilometern um den Gasherbrum. Und Jean-Marc scheint Glück zu haben.

Das Wetter bessert sich zusehends. Der zweite Tag nach dem mißglückten Versuch beschert den Franzosen in ihrem Hochlager auf 5900 Metern strahlenden Sonnenschein. Der Wind schwächt spürbar ab.

Am Abend steht Jean-Marcs Entschluß fest. Trotz der nur zweitägigen Erholungspause wird er einen neuen Versuch wagen. Die Verhältnisse gestatten ihm keine Stunde Verzögerung.

Drachenflug vom Gasherbrum 01Um 20 Uhr verabschiedet er sich von seinen Begleitern. Mehr als 2000 Höhenmeter liegen vor ihm. Im fahlen Mondlicht folgt er der verblasenen Spur. Mittags um zwölf Uhr steht er auf dem Gipfel. 16 Stunden, das ist sensationell, das hat er selbst nicht zu hoffen gewagt. Hat doch sogar Reinhold Messner für den Aufstieg aus 6500 Metern zwei Tage gebraucht.

Was Jean-Marc im Augenblick des ersten Triumphes allerdings noch nicht ahnen kann, das ist die Tatsache, daß er weitere vier Stunden brauchen wird, um den völlig zugewehten und eingefrorenen Drachen freizubekommen. VierStunden Schwerstarbeit in dieser Höhe, wo jeder Schritt zur Qual wird. Alle Glieder schmerzen, als er mit seinen Händen Stück um Stück den zerbrechlichen Vogel freischaufelt.

Als sich trotz aller Mühe ein besonders hartnäckig festsitzendes Stück Eis nicht ablösen will, nimmt er den Pickel zu Hilfe. Ein 50 Zentimeter langer Riß im Segel ist die erschreckende Quittung für seine Ungeduld. An eine Reparatur ist nicht zu denken. Bei minus 15 Grad haftet kein Klebestreifen mehr.

Doch Jean-Marc steht zu dicht vor der Erfüllung seines Traums, um sich durch diesen Schaden von seinem Vorhaben abhalten zu lassen. Als hätte er es geahnt, hatte er schon vor der Expedition ausprobiert, ob der speziell angefertigte Drachen sich auch ohne Segellatten fliegen läßt. Von diesen Versuchen her weiß er, daß es möglich ist, Drachenflug vom Gasherbrum 02auch mit weniger Segelspannung zu fliegen. 20 Stunden sind inzwischen seit seinem Aufbruch vergangen. 20 Stunden ohne Schlaf. 20 Stunden ohne Pause. Jean-Marc spürt, daß er an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit stößt. Er kann sich kaum noch auf den Beinen halten.

Und noch einmal muI3 er alle Kräfte mobilisieren. Als er startklar ist, frischt der Wind auf und bläst ihm mit 30 bis 40 Kilometern pro Stunde um die Ohren. Er darf keine Minute !anger warten.

20 STUNDEN OHNE PAUSE

Aber der Drachen lastet wie ein Zentnergewicht auf den geschundenen Schultern. An ein Losrennen ist nicht zu denken. Jean-Marc setzt alles auf eine Karte. Er läßt den Rucksack zurück. Sieben Kilo weniger hat er jetzt als Ballast. Sieben Kilo lebenswichtige Ausrüstung, wenn er aus irgendwelchen Gründen das Basislager nicht erreicht. Es ist wie ein Hochseilakt ohne Netz, und dann noch

bei Sturm. Denn auch auf den Helm und den lebensrettenden Fallschirm hat er aus Gewichtsgründen verzichtet. Dabei hat er keine Ahnung, ob in dieser Höhe ein Start überhaupt möglich ist. Noch niemand vor ihm hat es ausprobiert. Die Luft ist so &inn hier oben, daß der Drachen andere Flugeigenschaften bekommt. Sind unter normalen Bedingungen rund 20 Stundenkilometer ausreichend, um abzuheben, muß er hier oben weit schneller rennen, um vom Hang wegzukommen. Wird seine Kraft ausreichen für diesen Sprint? Wenn er es nicht schafft, wird er, umwickelt von ein paar Quadratmetern Segelstoff und ein paar verbogenen Aluminiumrohren, die steile Flanke hinab in den sicheren Tod stürzen.

Drachenflug vom Gasherbrum 03Und noch eine Gefahr droht dem Franzosen. Wenn im Augenblick des Loslaufens eine Böe den instabilen Vogel packt, ist ein enormer Kraftaufwand nötig, um gekenzusteuern. Jean-Marc kann nicht sagen, ob er dazu fähig sein wird.

Noch einmal setzt er den Drachen ab. Die Müdigkeit überwältigt ihn. Sein Wille wird schwächer. Zu lange schon ist er ohne Sauerstoff in der lebensbedrohenden Höhe. Die Versuchung, sich ein wenig hinzulegen, ist riesig. Nur eine kleine Pause, ein bißchen Ruhe. Ein paar Züge reinen Sauerstoffs.

Als Jean-Marc tief Atem holt, konzentriert er all sein Denken auf die paar Meter vor ihm. Als er losrennt, rennt er um sein Leben. Als er abhebt, hinterläßt er ein paar Fußspuren im Schnee, die ins Nichts führen. Jean-Marc fliegt.

Vergessen sind die Strapazen, wie weggeblasen ist die Mŭdigkeit. Er sieht das Himalaya-Gebirge, wie es noch keiner vor ihm sah. Er erlebt die unendliche Weite, unter sich, vor sich und um sich. Er ist einsamer, als er es je zuvor war. Das einzige Geräusch ist das Pfeifen des Windes an den Flügeln seines Vogels.

Als er dem Gratverlauf folgt, kommt in ihm der verrückte Wunsch auf, einfach nach Norden abzudrehen und in China zu landen. Doch die Vernunft siegt.

25 Minuten nach dem Start setzt Jean-Marc Boivin wohlbehalten neben den Zelten am Basislager auf.

Zeit, seinen Sieg zu genießen, bleibt ihm nicht. Der Schlaf überfällt ihn wie ein hungriges Tier.

Er hat sein Ziel erreicht, und er hat noch so viel Kraftreserven übrig, daß er beschließt, noch einmal hinaufzusteigen bis zu dem Punkt, an dem er seine Skier für den Fall deponiert hatte, daß es mit dem Fliegen nicht klappen würde.
Daß er bei seiner staubenden Abfahrt nur ein paar hundert Meter unterhalb des Gipfels so ganz nebenbei einen neuen Rekord besiegelt, das ist Jean-Marc ziemlich egal. Dreimal am Stück auf einen Achttausender. Jean-Marc denkt nur noch ans rhythmische Schwingen.

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