Skierstbefahrung der Ortler Nordwand

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…ein  verrücktes Tun „Und wer dem Toben und Heulen der Stein- und Eislawinen gelauscht, die von Zeit zu Zeit die Wand herabdonnern …, der wendet entsetzt den Blick weg von dem schaurigsten aller Erdenwinkel …“, so berichtete Hans  Ertl über seine Erstbegehung der Ortler-Nordwand vom 22. Juni 1931.

Kurt Jeschke über seine Skierstbefahrung der Ortler-Nordwand

48 Jahre danach — die 1400 Meter hohe und 50 bis 60 Grad steile Ortlerwand ist trotz vieler Begehungen immer noch ein ernstes Unternehmen — stehen wir am 10. Juni morgens am Gipfelplateau und wollen unser „letztes Problem“ im alpi­nen Skifahren lösen. Trotz einiger Rou­tine, die Martin und ich durch die ver­gangenen Steilabfahrten erlangt haben, überkommt uns Unsicherheit, auch et­was Angst; trotz des genauen Studiums der geplanten Abfahrtsroute (mit dem Fernglas eine Woche zuvor von der Ta­baretta-Hütte aus) ist der Ausgang des Skierstbefahrung der Ortler-Nordwand 01Unternehmens ungewiß. Wie wird es in den Trichtern des Eisabbruches werden? Wann und wo werden Eis- und Schneelawinen einsetzen?

Nach einer letzten Überprüfung der fixierten Skibindung geht es um 10.30 Uhr in die erste, gesicherte Seillänge. Zuerst etwas verkrampft, dann, bedingt durch die guten Firnverhältnisse, fahre ich zunehmend gelöster die Schwünge in die 50 Grad geneigte Gipfelwand. Eine Münchner Seilschaft kommt uns von unten entgegen. Sie ist schon fast am Ende ihrer erfolgreichen Tour. Das Fahren geht so gut, daß ich mich fast vom Seil lösen möchte. Doch das Be­wußtsein, daß unter uns Steilabbrüche lauern, läßt uns vorsichtig agieren. Mit ganz kleinen, behutsamen Schwüngen bewältigen wir in S-förmigem Abfahrts­verlauf, über Eisschraube am 50-Meter­Halbseil gesichert, den ersten Eistrich­ter. Wetter und psychische Stimmung sind großartig, strahlend blauer Himmel, gleißendes Licht von oben, das durch den aufspritzenden Schnee des Part­ners glitzernd gestreut wird, und — mit Ski in der Ortler-Nordwand! Wir bleiben stehen und beraten die weitere Abfahrt. Geplant wäre eine kurze, steile Querung nach links in die 60 Grad geneigte Hauptrinne, um darin der üblichen Auf­stiegsroute zu folgen. Man sieht nicht ganz hinein, doch sie scheint ziemlich blank zu sein. Als dann noch dazu mit Getöse eine Firnlawine durch sie hinun­terschießt, ist uns klar, daß wir rechts über den großen Eisbalkon fahren müs­sen, um nicht in Lebensgefahr zu kom­men. Im Schatten wird der Schnee glas­hart, unsere Kompaktski liegen nur mit den Kanten auf, das Fahren erfordert äußerste Konzentration und nervliche Anspannung. Ein kleiner Absitzer, und man würde nach einem 50-Meter-Pen­delsturz frei am Eisbalkon hängen. Ein eiskalter Wind weht von oben, doch ich spüre die Kälte nicht, Schweiß rinnt über die Stirne, das Hemd klebt am Körper. Nach der für mich bisher wohl aufregendsten 200-Meter-Skiquerung erreichen wir die Felsen am rechten Rand der Eiswand, an denen wir, wie­der bei gutem Schnee, bis zu den senkrechten Eisabstürzen des großen Balkons entlangfahren. Pause!

ortlerEndlich wieder sicherer Boden unter den Füßen! Wie auf einer Kanzel sitzen wir, machen Brotzeit und beobachten die ständig stärker werdenden Schnee- und Eislawinen der Haupt­rinne. Die Sonne scheint noch in den Abbruch des Gipfeleisfeldes und löst immer wieder kleinere Eistürmchen, die zerbrechend in die Tiefe donnern. Nebel kommt auf und hüllt vorüber­gehend den Gipfel ein. Der Nebel, die in gleichen Zeitabständen rauschen­den Lawinen und die Ungewißheit Ober den weiteren Tourenverlauf drücken die Stimmung. Das Warten kostet Nerven, zumal der Nebel tiefer sinkt und schon fast unsere Höhe erreicht hat. Nach etwa zwei Stunden scheinen die Lawinen etwas nachzulassen.

Ich sichere Martin einige Meter hinab, so daß wir einen Überblick über die Eis­wand bekommen. Er meint, daß es mit zwei Abseillängen gehen müßte. Aller­dings kann man nicht in der Fallinie ab­seilen, sondern Imuß sich schräg nach links im senkrechten Eis „hinunterarbei­ten“, da rechts die Felsen überhängend werden und viel tiefer in die Hauptrinne reichen. Ich lasse den Kollegen über den Halbmastwurf 25 Meter schräg hin­ab, worauf er, halb hängend, halb weg­stemmend, in anstrengender Arbeit— mit Rucksack, Ski und Stöcken am Rücken und sich ständig gegen den Pendel­druck wehrend— den Zwischenstand für mich mit zwei Eisschrauben anlegt. Nach weiteren 25 Metern ist er in der schnee­igen Rinne angelangt. Ich folge ihm möglichst rasch in zweimaligem Abseil­manöver, ständig nach oben blickend, da die Sonne nun wieder oben einzu­fallen beginnt und möglicherweise bald kleinere Schneelawinen auslösen könn­te. Stand, Ski herunter, Fixierung, und Martin fährt erleichtert noch eine ge­sicherte Seillänge nach unten. Da! Ein Rauschen, Donnern, und im nächsten Moment prasselt schon ein Schnee­rutsch mit seiner ganzen Gewalt auf mich und drückt mich in den Standplatz. Gott sei Dank habe ich mich zuvor mit einer Reepschnur am hineingesteckten Ski gesichert und den Steinschlaghelm auf. In diesem Moment kommt mir der Gedanke, daß dies nun wirklich ein _verrücktes Tun“ sein muß, das mit dem Skifahren im klassischen Erholungssinn nichts mehr zu tun hat. Wozu dieses Risiko, der blödsinnige Ehrgeiz? Kon­traste: zuerst noch überschwengliche, euphorische Stimmung (mit Ski in der Ortler-Nordwand!!), dann die Angst vor dem Damoklesschwert da oben in Eis und Schnee, und die Überzeugung, daß dies sicher das letzte Unternehmen die­ser Art ist.

Skierstbefahrung der Ortler-Nordwand 02Ich muß weg, weg von diesem Platz! Martin steht etwas günstiger. Gerade als ich den zweiten Ski abgeschnallt und neben mir in den Schnee gesteckt habe, geht die zweite Ladung los! Wieder die­ses Rauschen; es wird ganz finster um mich, der Druck, das Prasseln am Helm werden immer stärker, ein heftiger Schlag auf meinen linken Oberschenkel (gebrochen?). Ein Blick nach rechts — wo um Gottes Willen ist der zweite Ski? Jetzt ist es aus, denke ich, es ist un­möglich, daß der Sicherungsski dem Druck standhält. Dieser ist so stark, daß der Klettergürtel, der mit dem Fixierungsski verbunden ist, schmerzhaft ein­schneidet. Plötzlich Ruhe, Aufatmen, ganz unverhofft. Ich bin fast ganz unter dem Schnee begraben, kann mich kaum rühren, der Körper ist beinahe gefühl­los. Ich versuche aufzustehen, die Knie versagen zunächst ihren Dienst, der Oberschenkel schmerzt, Martin schreit herauf, ob ich verletzt sei.

Doch es geht. Auch der Oberschenkel funktioniert, vermutlich nur eine Prel­lung durch einen Eisbrocken. Ja der Ski, wo ist er? Gibt es so viel Glück? Er steckt etwa eine Seillänge unter Martin im Schnee. Ich schnalle mir schnell den Sicherungsski auf den Rücken und stap­fe zum Kollegen. Er ist verwundert, mich so „munter“ anzutreffen. Er berichtet, daß der Ski mitten in der Lawine in wei­tem Bogen dahergeflogen kam und er sich schon auf meinen Absturz bereit­machte. Ja, Glück … Doch nun nichts wie runter, ich habe genug.

In hektischer Eile steige ich zu meinem „Glücksski“ hinab, danke ihm kurz für seine präzise Flugbahn; Seil herunter, Ski angeschnallt, und ab mit der Post. Die Rinne ist hier nicht mehr so steil, 50 Grad etwa, so daß wir zügig abfahren können. Der Oberschenkel schmerzt zwar, die Koordination im Fahren ist auch noch nicht ganz in Ordnung, doch es sind noch 700 Höhenmeter — und diese zum Teil im Einzugsbereich der Eislawinen.

Ich signalisiere Martin, daß ich nun we­gen der drohenden Lawinengefahr in einem Zug abfahren werde. Die Ortler-Nordwand bleibt ruhig. Langsam finde ich auch den Rhythmus wieder, fahre lange Schwünge, um gut nach oben blicken zu können. Die Flanken des Couloirs sind relativ gefahrlos zu befah­ren, aber sehr steil. Im unteren Teil ver­engt sich die Rinne. Rasch hier durch! Doch Sekundärrinnen bis zu einem Me­ter Tiefe, die übersprungen werden müssen, erschweren das .Fahren. Der Schnee wird weicher, tiefer; nasser Firn erfordert extreme Rücklage und letzten Krafteinsatz in den Beinen. Bei jeder Richtungsänderung drücken die beim vorigen Schwung ausgelösten Firnrut­sche unangenehm auf die Skischaufel. Martin scheint es auch gut zu gehen. Er hat anscheinend den Anorak ausgezo­gen und ist etwas hinten geblieben. Doch kann ich nicht warten, mitten in der Rinne! Wenn jetzt etwas herunter­kommt, liegen wir möglicherweise beide unter den Schneemassen. Noch ein paar Schwünge durch die Schneehalden auf­gestauter, vorheriger Lawinen, und ich lasse mich erschöpft an einem aperen Moränenrücken nieder. Ruhe, Sicher­heit, keine Gefahr mehr — geschafft! Nach zehn Minuten ist Martin auch hier. Wir wissen nicht, was uns mehr bedeu­tet: die gelungene Abfahrt oder die Tat­sache, „davongekommen zu sein“. Erst als wir in Sulden mit dem rührigen „Gletscherpfarrer“ Dr. Hurton bei einem Bier zusammensitzen und ihm von der Abfahrt berichten, löst sich unsere in­nere Spannung völlig und geht in Freude und Zufriedenheit über.

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