Rätikon Wände im Wandel der Zeit

No Comments
 
 

Toni Hiebeler ist in Bludenz aufgewach­sen, am Fuße des Rätikons, und wie kein anderer ist er prädestiniert, aus seiner Sicht die Aktivitäten zweier Klet­tergenerationen im Rätikon, die Räti­kon-Wände im Wandel der Zeit, zu kom­mentieren.

Als Neunjähriger lernte ich im Rätikon die Schönheit der Bergwelt kennen und das aufregende Gefühl, Fels in den Händen zu spüren. Mit zwölf Jahren eroberte ich im Rätikon meinen ersten richtigen Kletter­berg, die Zimba, das »Vorarlberger Matter­horn«, allein. Von der Zimba aus sah ich im Süden gewaltige Felsklötze aufragen, die Drei Drusentürme, Drusenfluh und Sulz­fluh, Berge, die ich nur namentlich kannte. Denn es herrschte Krieg und das ganze Rätikon-Grenzgebiet, auch der Bereich um die Lindauer Hütte, war Sperrgebiet, für Bergsteiger nicht erreichbar. Erst im Früh­jahr 1946 änderte sich dies. Da war ich ein sechzehnjähriges Bürscherl. Im Juli 1946 kam ich erstmals zur Lindauer Hütte. Ich stand vor der Hütte, stierte hinauf zur fünfhundert Meter hohen Westwand der Kleinen Sulzfluh und fragte den Hüttenwirt nach den Routen da drüben (der alte Rätikon-Führer von 1924 war längst vergriffen). Ludwig Dajeng, Bergführer und damaliger Wirt, schaute mich herab­lassend an und sagte, daß es an der Kleinen-Sulzfluh-Westwand noch keine Route gäbe, und daß ich froh sein solle, wenn ich auf dem Normalweg den Großen Drusen­turm erreichte. Also rannte ich am gleichen Nachmittag noch schnell auf den Großen Drusenturm und kletterte am nächsten Tag durchs Verborgene Kar auf die Drusen­fluh, allein.

Man muß sich das vorzustellen versuchen, eine 500-Meter-Wand, einige Steinwürfe von einer schönen Hütte entfernt, ohne auch nur eine Route. Und an den großen Südwänden von Sulzfluh, Drusentürmen, Drusenfluh und Kirchlispitzen, zusammen­gerechnet etwa fünfzehn Kilometer lang und durchschnittlich 300 bis 600 Meter hoch, waren nur zehn Routen bekannt. Bekannt und berüchtigt war vor allem die 600 Meter hohe Drusenfluh-Südwand, der Diechtl-Pfeiler, die steinschlagbedrohte Stößer-Schlucht und der Anstieg des sächsischen Alleingehers Emmanuel Stru­bich (Ill bis IV) von 1921. Die Drusenfluh-Südwand hatte in den vierziger Jahren einen ähnlich dunklen Nimbus wie die Eigerwand in den fünfziger Jahren. Man hörte in den Hütten wahre Schauerge­schichten: jeder Seilschaft ungerader Be­gehungen (3., 5., 7. Begehung,) sei bisher etwas zugestoßen, tödlicher Absturz oder schwer verletzt. Und als ich 1947 die elfte Begehung und zugleich erste Alleinbe­gehung des Diechtl-Pfeilers (IV) ausführte — nur weil den Spezl schon in der Hütte die Angst gepackt hatte —, da galt ich in Bludenz bis zum Sommer 1948 als alpiner Münchhausen, weil mir keiner die Ge­schichte geglaubt hatte. Zum Glück hatte ich zwei von Muttern gestickte »T. H.«-Taschentücher an zwei verschiedene Haken gebunden; mit Richard Blacha kam es dann im Sommer darauf zum »Lokalau­genschein«, wonach meine Bergsteiger­ehre wieder hergestellt war. Im Spätsom­mer 1947, zwei Wochen nach der Drusen­fluh-Südwand, beging ich auch noch die Südwandkamine des sächsischen Allein­gehers Otto Dietrich (V) von 1924; es war die vielleicht dritte oder vierte Begehung und zweite Alleinbegehung. Und in Blu­denz hatte kein Mensch geglaubt, daß es im Rätikon Routen gab, die um einiges schwieriger sind als die Drusenfluh-Süd­wand-Anstiege (ein Jahr später konnte Ri­chard Blancha die »T. H.«-Tücherl dann auch in den Südwandkaminen bewundern — und die Schwierigkeiten dazu).

Da war dann noch die 600 Meter hohe Südwand des Großen Drusenturms. Über sie sprachen die älteren Kletterer Vorarl­bergs meist nur flüsternd, als wäre von einem beängstigenden Ungeheuer die Rede. Der «Burgerweg« sei eine Route, über deren Schwierigkeit man sich über­haupt keine Vorstellung machen könne. Und es war klar, daß uns Jungen das Bur­gerweg-Geheimnis auf den Nägeln brann­te. Meine eigentlichen Kletterfreunde gleichen Alters paßten wieder einmal. Im August 1948 hatte ich dann in Hans Franzoi endlich einen Partner für den Burgerweg gefunden. Hans Franzoi war zehn Jahre älter als lch, lang und dürr wie eine Boh­nenstange, und die Zeiten waren schlecht. Unser Burgerweg-Proviant bestand aus einer Handvoll Grieszucker. Hans kletterte barfuß, ich in  Dachdeckerschuhen mit Hanfsohle. Die zwölf Millimeter starken Hanfseile, zwei Stränge von je 30 Metern Länge, machten uns ständig das Gesetz der Schwerkraft bewußt. Da kamen wir endlich auf jenen unglaublichen Klemm­block, dessen Labilität später berühmt wurde: ein VW-Käfer-großer Felsblock, in einem nach unten geöffneten A-förmigen Spalt verklemmt; zwischen Klemmblock und Seitenwänden

  • rätikon burgerweg drusenturm
  • grosser drusenturm burgerweg
  • klettergarten montafon topo
  • burgerweg silvretta
  • Sulzfluh Westwand
  • dajeng steig sulzfluh
  • Krieg Rätikon
  • strubich drusenturm
  • drusenfluh verborgenes kar
  • skitouren montafon literatur

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 

Sorry, no related items found.

 
 

More from our blog

See all posts
 
 
No Comments