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Philipp Wilhelm Rosenthal.

Einleitung.

Im Süden der Eiswelt des Glockner- und Venedigermassives, im Nordosten der Dolomiten, dem Dorado aller Bergsteiger, erheben sich die Lienzer Dolomiten, die, erdrückt von diesen alpinen Titanen, durch Jahrzehnte eine bescheidene Rolle zu spielen gezwungen waren.

Noch vor zwölf Jahren war diese Gebirgsgruppe für den größten Teil der Bergsteigerwelt eine Terra incognita und es vermochte auch die Errichtung mehrerer Schutzhütten seitens der alpinen Vereine nur eine schwache Anziehungskraft auszu­üben, trotzdem jeder Besucher dieser Berge entzückt war von der Pracht der sich darbietenden Bilder. Nachdem in den allerletzten Jahren sich einiges Interesse der Bergsteiger auch dieser Gebirgsgruppe zugewendet hat, so hat vielleicht auch die Stunde für die vollständige Erschließung der Lienzer Dolomiten geschlagen.

Mit der nachstehenden Monographie sei nun der Versuch gemacht, das Augen­merk neuerlich auf diese herrliche Berggruppe zu lenken, auf das auch sie jene Würdigung finde, die sie in vollem Maße verdient.

I. Allgemeines.

Benennung und Gruppierung. Einer der ersten, die sich mit dieser Gebirgs- gruppe beschäftigten, war Leopold von Buch. In Leonhard’s »Taschenbuch für Minera­logie vom Jahre 1824«, S. 418, berichtet L. v. Buch über die Resultate seiner neuesten geognostischen Forschungen. In diesem Berichte bezeichnet er das zwischen der Gail und Drau eingebettete Gebirge als »Die Kette des Bleiberges«. Insbesondere hebt er die Schönheit des »Rauhkofels« hervor, mit welcher Bezeichnung vermutlich die ganze zentrale Gruppe der Lienzer Dolomiten gemeint ist. Spätere Mitteilungen über dieses Gebiet gaben Alexander Petzholdt2 und Credner, denen sich Dr. Her­mann Emmerich anschloss. Letzterer besuchte im Jahre 1854 die Lienzer Dolomiten, er bezeichnet diese Gebirgskette im Jahrbuch der Geologischen Reichsanstalt, 6. Jahrgang, 1855, S. 444, als die: »Dolomitkofel von Lienz«. Ein Jahr später veröffentlichte Dionys Stur im Jahrbuche der Geologischen Reichsanstalt, 7. Jahrgang 1856, III. Vierteljahr, S. 405 u. ff., ebenfalls eine größere Arbeit über das »Lienzer Ge­birge«. Diesen Benennungen. stellt sich der berühmte Geoplast Franz Keil entgegen, der die Lienzer Dolomiten wie bekannt: »Kreuzkofel-Gruppe« benannte. Hingegen blieben spätere Geologen bei der Stur’schen Bezeichnung: »Lienzer Gebirge«, so Dr. Edmund v. Mojsisovics (Verhandlungen der Geologischen Reichsanstalt, Jahrgang 1873, S. 235) und F. Teller (Verhandlungen der k. k. Geologischen Reichsanstalt, Jahrgang 1883, S. 193).

Unter Zugrundelegung dieser Benennungen machte die Sektion Lienz des D. u. Ö. A. V. im Jahre 1885 den Vorschlag, diese Gebirgsgruppe Lienzer Dolomiten zu be­nennen, welcher Antrag im Deutschen und Österr. Alpenvereine Beifall erregte; in der Tat fand auch dieser Name sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Berg­steigern allgemein Eingang.

Trotzdem hat Dr. August v. Böhm später in seiner »Einteilung der Ostalpen« wiederum die Keil’sche Benennung »Kreuzkofel-Gruppe« in Anwendung gebracht. Franz Keil wählte für die Lienzer Dolomiten den obigen Namen, da er den Kreuz­kofel für den höchsten Gipfel hielt. Nachdem die späteren Vermessungen die Un­richtigkeit dieser Annahme ergaben, der Kreuzkofel außerdem nicht einmal im Zentrum dieser Gruppe liegt, so fehlt jedes Motiv, bei dieser Keil’schen Benennung zu ver­bleiben. In dem Werke »Die Erschließung der Ostalpen« wurde auch in der Tat die Benennung »Lienzer Dolomiten« beibehalten, während man die seiner Zeit von Franz Keil für die ganze Gebirgsgruppe angewendete Bezeichnung »Kreuzkofelgruppe« auf einen Teil der Zentralgruppe beschränkte.

Wenn wir einen Blick auf die Karte werfen, so sehen wir, dass die Lienzer Dolomiten ungefähr die Form eines außerordentlich stumpfen Keiles bilden, dessen stumpfe Spitze nach Norden weist und den Öffnungen des Isel- und Debanttales gegenübersteht, während die Gail die Basis dieses Keiles darstellt. Die Keilflächen werden durch die Drau und den Kartitschbach einerseits, andererseits durch die von Kötschach über den Gailbergsattel nach Ober-Drauburg ziehende Poststraße gebildet.

Die Lienzer Dolomiten lassen sich am besten in drei Gruppen einteilen: in die Westlichen Lienzer Dolomiten, die Zentralgruppe und in die Östlichen Lienzer Dolomiten.

Mit dem Namen »Westliche Lienzer Dolomiten« kann man jenen Höhenzug be­zeichnen, der bei der Mündung des Kartitschbaches in die Drau beginnt und in west­östlicher Richtung zur Leisacher Alm (Kofelpass) zieht und durch den Alpenbach Kofel—Eggenbach (Weisses Tiefental) von der Zentralgruppe getrennt ist.

Der Zentralstock selbst, der sich östlich an die vorerwähnte Gruppe anschließt, trägt die höchsten Erhebungen der Lienzer Dolomiten und wird durch die Linie Galizenbach—Zochenpass sind Wildensenderbach, sowie durch die Linie: Frauenbach—Lavant Luggauerthörl — Wildensenderbach in drei Gruppen geteilt: die Kreuzkofel­gruppe (höchste Erhebung der Spitzkofel, 2718 m), Laserzgruppe (höchste Erhebung Große Sandspitze, 2863 m) und die Hochstadlgruppe (Hochstadl, 2678 m).

Der östliche Höhenzug der Lienzer Dolomiten wird von der Zentralgruppe durch die Linie: Pirkachbach—Pirkachschartl—Podlaniggraben geschieden und kulminiert im Schatzbühel, 2095 m. Die von Kötschach über den Gailbergsattel nach Ober-Drauburg ziehende Straße wird als die Ostgrenzlinie der Lienzer Dolomiten bezeichnet, jenseits welcher sich die. nicht mehr zu den Lienzer Dolomiten gehörige Reisskofelgruppe aufbaut.

In den größeren Talorten muss die Unterkunft als eine sehr gute bezeichnet werden und die in den einzelnen Orten gelegenen Gasthöfe sind vom touristischen Standpunkte besonders zu schätzen, da in denselben beinahe durchgehends noch die alte Gemütlichkeit vorherrscht und noch nicht das Regime der modernen Alpenhotels platzgegriffen hat; dies gilt besonders für Lienz, 673 m, und Ober-Drauburg, 620 m. Nächst Lienz, beim Dorfe Amlach, 700 m, liegt der neueröffnete Amlacherhof, der auch größeren Ansprüchen genügt. Für die Westliche Gruppe kommt noch Assling, 876 m, (Thal), Mittewald, 864 m, und Abfaltersbach (Ort), 944 m, in Betracht.

Von den südlichen Talstationen müssen Kotschach, 708 m, St. Jacob, 948 m, Birn­baum, 950 m, Liesing, 1045 m, St. Lorenzen, 1132 m, und Maria Luggau, 1170 m, er­wähnt werden. Das eine Stunde von Lorenzen nördlich im Radegundgraben gelegene Tuffbad, 1270 m, liegt zwar dem Herzen der Laserzgruppe am nächsten, bildet jedoch nur primitive Unterkunft. Für die Westlichen Lienzer Dolomiten bietet Ober-Tilliach, 1446 m, mit seinen zwei einfachen Wirtshäusern den Ausgangspunkt.

Im eigentlichen Hochgebirge stehen dermalen drei Schutzhäuser zur Verfügung. Hievon gehören zwei dem Österr. Touristen – Club und zwar die Linderhütte der Sektion Lienz und das Hochstadthaus der Skction Ober-Drauburg. Die dritte, im Laserz gelegene Schutzhütte, gehört der Sektion Teplitz-Nordböhmen des D. u. Ö. A.V. Die Linderhütte, 2684 m, wurde im Jahre 1882 von J. Linder aus Lienz erbaut und am 17. August 1884 eröffnet, sie steht auf dem Grate des Spitzkofels. Diese Hütte bietet circa 15 Personen Raum und ist mit dem Touristenclubschloss versehen. Das im Sommer bewirtschaftete Hochstadlhaus, 1802 m, befindet sich bei den obersten Alm- hütten, den Pirkerkammern, östlich des Hochstadlgipfels und wurde im Jahre 1888 von der Sektion Ober-Drauburg des Ö. T. C. erbaut. Die der Sektion Teplitz-Nord­böhmen des D. u. Ö. A. V. gehörende Leitmeritzerhütte, 2252 m, auch kurzweg »Laserz­hütte« benannt, befindet sich im Herzen der Laserzgruppe, unmittelbar oberhalb des kleinen Laserzsees (circa 2230 m). Diese Hütte wurde am 30. August 1888 eröffnet, bietet 18 Personen Unterkunft und ist mit dem Alpenvereinsschloss versehen.

Für den touristischen Besuch genügend eingerichtet ist die dem Bauer Kersch­baumer in Leisach gehörige Kerschbaumeralpe, 1832 m, woselbst in einem Anbau zwei Lagerstätten Platz gefunden haben; auch ist hier Alpenkost erhältlich. Schon lange hegt die Sektion Lienz des Ö. T.C. die Absicht, hier eine Schutzhütte zu bauen, doch ist dieser Plan bisher noch nicht verwirklicht worden. Weiters finden wir noch, zerstreut in den einzelnen Teilen der Lienzer Dolomiten, mehrere Alpen­hütten, in denen jedoch nur ein Heulager zu erhalten ist. Nur in der in den Öst­lichen Lienzer Dolomiten auf der Kolbnerspitze, 1700 m hoch, gelegenen Post-meisteralpe erhält man, nach erfolgter Rücksprache mit dem Herrn Postmeister von Ober-Drauburg, eine bessere Unterkunft und Verpflegung. Von offenen Unter­standshütten wäre noch das vom Österr. Touristen-Club erbaute Holzhüttchen »Amlacher Gassi« am oberen Ende der Galizenklamm, oberhalb der Wegteilung zur Leitmeritzer­hütte und Kerschbaumeralpe zu nennen. In dem im obersten Lavanter Almtal, unweit der Quelle des Lavanter Frauenbaches, erbauten Jagdhause, 1860 m, ist mit Erlaubnis der Oberförsterei in Lavant ein Übernachten gestattet. Beim Jägerhaus im Tuffbad sind Wein und Alpenkost erhältlich. Im Sommer 1898 erbaute die Sektion Lienz unseres Vereins eine Not Hütte auf dem Gipfel des Rauchkofels, 1911 m.

Führerwesen. Das Führermaterial im Gebiete der Lienzer Dolomiten ist, wenn die Nordseite als Ausgangspunkt in Betracht gezogen wird, zwar nicht reichlich, dafür besitzt aber Lienz in dem dort wohnhaften Bergführer Mathias Marcher eine vorzüg­liche Kraft. Marcher ist im Jahre 1853 zu Ober-Drauburg geboren und hat aus eigenem Antriebe zahllose Touren in der Schober- und Glocknergruppe, sowie haupt­sächlich in den Lienzer Dolomiten unternommen, so dass er mit Recht als der beste Kenner dieses Gebietes bezeichnet werden darf. Er hat sich auch um die Markierung des Gebietes verdient gemacht, so dass ihm sogar von Seiten der Sektion Lienz des D. u. Ö. A. V. in Anerkennung seiner besonderen Tüchtigkeit im Dezember 1897 ein Ehrendiplom überreicht wurde.

Außer Marcher wissen im Gebiete der Lienzer Dolomiten noch einige Ein­heimische in Leisach bei Lienz Bescheid. Von konzessionierten Führern existieren jedoch derzeit nur noch Johann Gufler vulgo Galitzenschmid-Hans, der jedoch wegen seines vorgerückten Alters (mehr als 72 Jahre) nicht zu jeder Tour mitgenommen werden kann.

In Ober-Drauburg sind für den leicht zu ersteigenden Hochstadl bei der Österr. Touristen-Club-Sektion Führer und Träger zu erfragen.

An der Südseite der Lienzer Dolomiten ist es weniger gut mit Führern bestellt, denn die Führer von Kötschach, Wodmaier, Liesing, St. Lorenzen und Maria Luggau führen nur in das Gebiet südlich des Lessachtales.

Werken zu, die touristische Literatur des Gebietes ist, wie man bei der stiefmütterlichen Behandlung der Lienzer Dolomiten leicht begreifen kann, eine sehr spärliche.Auf die touristische Literatur übergehend sei erwähnt, dass im Jahre 1876 ein Führer erschien : »Lienz in Tirol und seine Gegend«, verfasst von Josef A. Rohracher, ferner eine von Franz Keil verfasste Broschüre: »Das Mineralbad Leopoldsruhe nächst Lienz in Tirol« (Innsbruck 1856), welches Büchlein im Jahre 1872 eine zweite Auflage erlebte. In Schaubach’s »Deutsche Alpen« finden wir manches Interessante über unser Gebiet, sowie auch speziell historische Berichte über Lienz und Umgebung. Eine kurz abgefasste Broschüre über Lienz und Umgebung erschien etwa im Jahre 1896.

Für das Gebiet des Lessachtales kommen in Betracht: »Kärntner Alpenfahrten« von Fr. Franziszi (Wien 1892); Hugo Moro: »Das Gailtal mit dem Gitsch- und Lessachtal« (Hermagor 1894), ausgestattet mit hübschen Illustrationen und Karten, sowie ein vom Verschönerungsverein Kötschach im Jahre 1895 herausgegebener Führer durch »Kötschach und das obere Gailtal«; doch sind in allen diesen Arbeiten die Lienzer Dolomiten stiefmütterlich behandelt. Nach und nach hat sich jedoch eine kleine touristische Literatur herausgebildet, auf die jedoch hier nicht des Näheren ein­gegangen wird, da die diesbezüglichen Quellenangaben ohnedies bei den betreffenden Stellen zitiert werden. Eine moderne, die ganzen Lienzer Dolomiten umfassende Arbeit fehlte bisher, da die vom Verfasser dieser Abhandlung für die Erschließung der Ostalpen, Band III, S. 554-566, publizierte Arbeit ausschließlich nur die Geschichte der touristischen Ersteigungen behandelt, welche mit Rücksicht auf den knapp bemessenen Raum wesentlich gekürzt werden musste.

Das zur Verfügung stehende Kartenmaterial entspricht nicht allen Anforderungen. Franz Keil hat im Jahre 1859 eine Reliefkarte der Gruppe im Maaß Stabe 1:48 m her­gestellt, die in mehreren Exemplaren erzeugt wurde. Ein Exemplar befindet sich im Geographischen Institut der Wiener Universität; zu diesem Exemplare stellte Keil eine Schichtenkarte mit Nomenklatur Angaben her, der auch ein Panorama der Lienzer Dolo­miten, von Süden gesehen, beigegeben ist. Weitere Exemplare dieser Reliefkarte sollen sich u. a. in den Museen zu Innsbruck und Salzburg, sowie in Händen von Privat­personen befinden.

Im Jahre 1889 erschien eine Karte von Lienz und Umgebung, herausgegeben von der Sektion Lienz des D. u. Ö. A.V., 1:37 500.

Die Spezialkarte 1:75 000 des Militär-Geographischen Institutes zerlegt die Gruppe in vier Teile; hiedurch geht die Übersichtlichkeit fast vollkommen verloren. Auch weisen diese Aufnahmen viele Fehler auf, selbst die reambulierten Karten bringen viele Unrichtigkeiten wieder, die im Text dieser Arbeit näher bezeichnet werden.

Auf den beiliegenden, nach der reambulierten Original-Aufnahme angefertigten Kartenskizzen wird der Versuch gemacht, die Richtigstellung der Gliederung der Kämme, der Lage, sowie Höhe der Pässe und Gipfel, sowie deren Nomenklatur zu fixieren. Die Höhendaten sind der reambulierten Spezialkarte entnommen.

  • beelden van de beklimming van de hochvogel
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