Die Schleierkante der Cima della Madonna

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Im Juni 1886 hatte der noch nicht ganz siebzehnjährige Münchner Gymnasiast Georg Winkler dem weit älteren Dr. Alois Zott aus Augsburg am Totenkirchl durch seine Kletterkunst imponiert, so daß er ihn zu einer Dolomitenfahrt ein­lud. Nach der Kleinen Zinne und der Croda da Lago kamen sie in die Pala. Der Wirt in San Martino erzählte ihnen vom unerstiegenen Sasso della Ma­donna, dem westlichen Nachbarturm des Sass Maor. Am 12. August, um 15.30 Uhr, betraten sie dessen Gipfel. Gewitter und Regengüsse waren schuld an der spä­ten Stunde. Die beiden schauten for­schend hinüber zur Madonna, die Zott „wie ein gewaltiger, unbezwingbarer Festungsturm mit lotrechten Wänden“ erschien. Rasch stiegen sie ab und stan­den um 17.15 Uhr wieder in der Scharte zwischen den beiden Gipfeln. Was tun? Die Überlegung fiel zugunsten der Cima della Madonna aus. Der führende Wincler erhielt Zotts Kletterschuhe mit Hanfsohlen, dieser benutzte vorerst noch Steigeisen. Schlüsselstelle (IV) war ein den ganzen Gipfelturm spaltender Ka­min (Winklerkamin). Die Überwindung des engen Spaltes hielt Zott „für eines der größten Kletterkunststücke, die von Touristen oder Führern je in den Alpen ausgeführt wurden“. Auch Winkler meinte, es sei die „schlechteste Stelle gewesen, die er je gemacht hätte“. 20 Uhr war die Stunde des Sieges. Der Gipfel wurde zum Biwakplatz in einer kalten, mondhellen Nacht, anderntags dann Abstieg mit leeren Mägen zu den Milchschüsseln von Sopra Ronz. Dies geschah genau hundert Jahre nach der Erstbesteigung des Montblanc.

Drei Wochen später kamen zwei von Barbaria und Bettega geführte Franzo­sen und beurteilten die Cima della Ma­donna „als das vollständige Muster eines halsbrecherischen Berges“. 1887 eröffneten die Briten Raynor und Philli­more mit den Führern Bettega und Di-mai die heute vergessene Südwand-Route. Dann ereignete sich drei Jahr­zehnte lang nichts Besonderes an der Madonna. Man wartete auf die Schleier­kante.

1920 war die Zeit endlich reif. Die Acteure: Der 21jährige Gunther Langes aus San Martino und der 34jährige Erwin Merlet aus Meran. Beide waren kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch mit Hans Dülfer, dem Kletterstar jener Zeit, am Seil gegangen. Langes an der Südwestkante des Delagoturms, Merlet am „verrückten Totenkirchl-U“.  Beim ersten Versuch kommen die bei­den über den gebänderten Sockel bis unter den ersten Kantenpfeiler. Es herrscht kein Kletterwetter. Regen pras­set auf die Felsen. Verfaulte Seilschlin­gen werden gefunden, Ampezzaner Füh­rer sollen früher einmal hier gewesen sein. Unbefriedigt steigen die beiden nach San Martino ab. Zwei Tage später, am 20. Juli, treten Langes und Merlet zur Entscheidung an. Früh steigen sie in die kühlen Felsen ein. Langes über­windet den überhängenden Riß und die „Orgelpfeifenwand“ am ersten Pfeiler.

Der Weiterweg, direkt hinauf, erscheint unbegehbar. Merlet versucht eine Um­gehung, links in der glatten Nordwand, fünfmal in zwei Stunden. Aussichtslos! Merlet ist ärgerlich und überläßt Langes den Vortritt an der Kante. Er schafft es und sein Urteil lautet: „Zwei Seillängen spulen sich ab, die wohl zum schönsten, steilsten und griffigsten gehören, was man als freikletternder Bergsteiger an­treffen kann. Die Ausgesetztheit ist hier unübertrefflich stark. Weil der obere Aufschwung des zweiten Kantenpfeilers nun wirklich ungangbar ist, muß man die wenigen Schritte in die Wand nach links hinausqueren, jene paar Schritte, die zur Hälfte durch die Luft gehen, die aber genau so griffig und sicher zu machen sind, wie jeder Zoll der Schlei­erkante, und die doch zu jenen Passa­gen im Fels gehören, wo die Nerven zu beben beginnen.“ Da klingt etwas der Überschwang des Erstbegehers mit. Nächste Attraktion: Der Spreizschritt! Man wünscht sich Stativbeine. Merlet fängt mit einer Seilschlinge ein kleines Felszäckchen jenseits des trennenden Spaltes ein, pendelt hinüber, erklettert die senkrechte Wand und verschwindet aus dem Blickfeld. Dann kommt eine enttäuschende Mitteilung von oben: „Es geht nicht! Der gewundene Schlußkamin ist nicht zu erreichen, keine Umgehung nach rechts oder links!“ Also kurz vor dem Gipfel aufgeben, abseilen? Langes turnt die Wand hinauf und kommt zu dem boshaft grinsenden Kameraden, der am Beginn des nun leichter zum Gipfel führenden Kamins hockt. Die Schleierkante weist kein Problem mehr auf. Ja, das sind Merlets Witze!

Es war gelungen. „Eine der genialsten Verwirklichungen des Gunther Langes“, schrieb der hervorragende italienische Bergsteiger Ettore Castiglione ohne Mißgunst. In seinem Dolomiten-Kletter­führer sparte auch Langes nicht mit Lob und Auszeichnung: „Mehrheitlich als die schönste Kletterei in den Dolomiten be­zeichnet, nach manchen sogar als die schönste im Kalkgestein.“

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