Die Erstbesteigung des Dedo de Dios auf Gran Canaria

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Am frühen Morgen des 3. Januar 1979 treffen wir uns in Puerto de las nieves, einem Fischerdorf an der Nordwest­küste von Gran Canaria. Peter Siegert und Dieter Hasse sind bereits gestern hergefahren, haben die Lage erkundet und in der Nähe gezeltet. Mit Ursel, Die­ters Frau, bin ich nun von unseren Stand­quartieren im Süden der Insel nachge­kommen.

Nicht weit von dem Ort steht ein auffal­lender Felsen im Meer. Seine Gestalt ist ungewöhnlich, aus einem etwa 40 Meter hohen Sockel ragt eine knapp 20 Meter hohe Säule. Das Gebilde scheint den Gesetzen der Schwerkraft hohnzuspre­chen, unten ist es auffallend schmaler als oben. Es trägt den beziehungsrei­chen Namen „Dedo de Dios”, was Fin­ger Gottes heißt.

Die Ersteigungsgeschichte des Wieder­holt versuchten Felsturms wird von ei­nem wohl einmaligen Ereignis über­schattet. Neben anderen Versuchenden war unser Freund Peter Siegert mit sei­nem Bruder Horst dreimal dort. Der letz­te Besteigungsversuch am B. Dezember 1976 hatte mit einer Katastrophe geen­det: Horst Siegert war von hohen Bran­dungswellen gegen den Fels geschleu­dert worden und ums Leben gekommen. Peter wurde damals nach einer nassen Biwaknacht auf einer Klippe von Mat­hias Armas, einem einheimischen Fi­scher, gerettet. Seine psychologische Belastung für einen erneuten Bestei­gungsversuch ist deshalb sehr groß. Aber zwei Jahre lang hat ihn das schlim­me Erlebnis keine Ruhe finden lassen; jetzt gilt es, das Vermächtnis des toten Bruders zu erfüllen.

Tatsächlich scheint es das größte Pro­blem, an den Fuß des Turms zu gelan­gen. Der Finger Gottes steht unterhalb einer rund 100 Meter hohen Steilküste und ist von gefährlichen Klippen umge­ben. Die von Nordosten anbrandende Atlantikdünung macht den Weg zum Einstieg zu einem lebensbedrohenden Wagnis. Nur bei Niedrigwasser und län­ger anhaltender Windstille kann man den Felsen gefahrlos erreichen. Wie sol­len wir diesmal halbwegs sicher zu dem umbrandeten Turm gelangen? Wie wer­den die Einwohner des kleinen Hafen-und Fischerortes reagieren? Können wir uns vor der Ortspolizei verbergen, die über das von der Obrigkeit ausgespro­chene Kletterverbot wacht? Besteht viel­leicht die Möglichkeit, über die Steilkü­ste hinter dem Turm abzuseilen? Doch dazu haben wir nicht genügend Seilma­terial.

Unschlüssig, leicht fröstelnd und hung­rig schlendern wir durch den Ort. End­lich öffnet eines der kleinen Lokale. Wir bestellen Kaffee und ein Sandwich.

Unversehens tritt ein Einheimischer auf uns zu, es ist Mathias, der Fischer. Gro­ße Begrüßung und Schulterklopfen. Er hat den ereignisschweren Tag vor zwei Jahren nicht vergessen. Während unse­res Palavers mit Gesten und Gebärden — keiner versteht die Sprache des an­deren — wird die wichtigste Idee der Be­steigung geboren: Kann Mathias uns nicht mit seinem Boot zu dem Felsen bringen? Als Fischer kennt er jede Klip­pe und ist hier mit den Strömungs- und Wellenverhältnissen bestens vertraut. Wir hingegen stehen diesen Problemen hilflos gegenüber. Mathias versteht schnell, was wir wollen. Wir erzählen von unserem Stahlkreuz, das auf dem Felsen zum Gedenken an Horst aufge­stellt werden soll. Noch ist er unent­schlossen, denn er soll uns zu einer ge­setzwidrigen Tat verhelfen. Er bespricht die Sache mit einem Freund. Wir spüren, daß wir seinen nicht allzu tiefwurzeln­den Widerstand wegwischen können. So finden einige größere Geldscheine ihren Weg aus unseren Jackentaschen in die seinen. Als Vater von acht Kindern kann er’s brauchen. Kurzentschlossen gibt er uns zu verstehen, wir sollen in etwa zehn Minuten am Hafen bei seinem Boot sein. Den Hinweis auf den Ortspolizisten tut er mit einer lässigen Handbewegung ab, mit dem werde er schon fertig.

Rasch holen wir unsere Rucksäcke aus einem Versteck unter der Steilküste, ziehen Schuhe und Strümpfe aus und springen in den Kahn. Unter den Ortsbe­wohnern gibt es noch keinen Argwohn. Mathias und einer seiner Söhne legen sich kräftig in die Ruder und steuern das Boot um den Fuß unseres Felsens. Dort auf der hafenabgewendeten Seite be­findet sich der Einstieg. Wir haben Glück, es ist nahezu Niedrigwasser. Un­ter Mathias’ Regie werden ein paar hö­here Wellen geschickt abgewartet, her­nach gelangen wir einigermaßen trocken an den Unterbau des Dedo de Dios. Auch die Rückkehr ist verabredet. So­bald wir den Gipfel erreicht haben, soll er mit dem Boot wiederkommen.

Während Dieter und ich noch die Klet­terausrüstung anlegen, steht Peter be­reits ungeduldig am Einstieg. Unmög­lich, sich von der Erinnerung an das be­lastende Geschehnis vor zwei Jahren zu lösen. Erst als er den Fels unter den Händen spürt, findet er wieder zu sich und zu der Aufgabe, die nun an ihn ge­stellt ist.

Bis zur Nadel ist die Route präpariert. Zunächst erweist sich der Anstieg als nicht besonders schwierig. An zwei

  • dieter hasse kletterer
  • "maria rast" hütte "ortler"
  • peter siegert gran canaria

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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