Yosemite — aus der Sicht eines Dolomitenkletterers

No Comments
 
 

Jeder Kletterer, der große Wände liebt, denkt, wenn er „Yosemite” hört, an den El Capitan. Doch so schön diese Wände auch aus­sehen, die Kletterei ist anders, als man sich das auf den ersten Blick vorstellt.

Vor allem war für mich als Dolo­mitenkletterer der Materialauf­wand befremdend. Wie ein über­ladener Weihnachtsbaum steht man am Einstieg und kann sich am ebenen Boden bereits kaum bewegen.

Schon für „Nose” oder „Salathe”, die zu den leichteren bigwalls zählen, braucht man in der Regel vierzig bis fünfzig Karabiner, von jeder Klemmkeilgröße drei Stück, dazu Schlafsäcke, Wasser und Proviant. Bei schwereren Routen muß man fünf- bis sechs­mal in Hängematten biwakieren, riesige Materialsäcke nachziehen und oft stundenlang im Schlin­genstand sitzen. Hin und wieder sieht man Kletterer 120 Kara­biner, 100 Haken, ebensoviele Klemmkeile, 30 Liter Wasser, Kassettenrecorder usw. an den Einstieg schleppen.

Nun sollte man glauben, daß diese Routen nur sehr selten durchstiegen werden, doch gefehlt! Eine Seilschaft nach der anderen bricht mit riesigen Materialsäcken Richtung El Capi­tan auf. Nach fünf, sechs, manch­mal nach zehn Tagen kommen sie zurück und erzählen von Seil­längen, für die sie einen ganzen Tag gebraucht hätten, von Bohr­haken, die gebrochen seien, von Pendelquergängen an Cliffhän­gern, von vielen, vielen schlech­ten Haken. Von dreißig Seil­längen klettert man vielleicht eine frei, oft nur wenige Meter, und das ganze erschien mir viel mehr als schwere Arbeit denn als Klettern.

Was sich an Boulderblöcken und in den kürzeren „freeclimbs” abspielt, ist schon oft genug beschrieben worden. Hin und wieder war bereits zu lesen, daß es den Amerikanern nun auch gelungen sei, diese Schwierig­keiten auf die ganz großen Wände zu übertragen. Bei Ver­gleichen mit den Alpen hört man immer nur: „Die Amerikaner sind uns weit voraus, die klettern

jetzt schon den VIII. und IX. Grad in den großen Wänden.” Nie allerdings spricht man davon, daß sie dies unter völlig anderen Voraussetzungen und mit ande­ren Mitteln machen.

Ein Beispiel: Ray Jardine ver­sucht schon seit Monaten, die „Nose” am El Capitan frei zu klettern. Zur Zeit hängen etwa 600 Meter fixe Seile in der Route, an denen er am frühen Vor­mittag zusammen mit einem „Assistenten” in etwas mehr als einer Stunde zu seinem Problem hinaufjümart.

Zuerst geht er jede Seillänge in der herkömmlichen Art, also technisch, um diese dann, von oben gesichert, mit Schrauben­zieher und Zahnbürste zu reini­gen und kletterbar zu machen. Dabei hat er natürlich auch Gelegenheit, einzelne Kletterstel­len zu studieren und Griffe und Tritte mit Magnesia zu markie­ren. Den berühmten „King Swing” präparierte er durch eine zehn Meter lange Bohrhakenreihe, welcher folgend er diesen Quergang dann frei klettern konnte. Schon um drei Uhr nach­mittags hört man Ray in Camp 4 oder in der Mountain Bar von 5.12er Stellen erzählen. Solches Klettern würde ich nicht als

„big wall climbing”, sondern als „big wall bouldering” bezeichnen. Als Gegenüberstellung möchte ich kurz die in den Alpen übli­chen Methoden aufzeigen: Von einem Großteil der jungen Spitzenkletterer wird der Bohr­haken abgelehnt, ebenso fixe Seile. Wegen der unsicheren Wetterlage, meist ist mit kaum mehr als zwei Tagen Schönwetter zu rechnen, muß man sehr schnell klettern. Man hat keine Zeit, an einzelnen Stellen viel Zeit zu verlieren, entweder man geht sie auf Anhieb oder man läßt es bleiben. Während im Yosemite das Stürzen normal ist, um schwierigste Stellen aus­wendig zu lernen, geht man im alpinen Gelände meist mit einer gewissen Sicherheitsreserve.

Da es oft auf längere Strecken einfach unmöglich ist, zuvenäs­sige Sicherungen anzubringen, kann man es sich kaum leisten, an der Sturzgrenze zu gehen.

In vielen Alpenrouten spielt die psychische Verfassung eines Kletterers immer noch eine wich­tigere Rolle als seine körper­liche, und man kann noch so gut trainiert sein, nichts nützt dies, wenn man sich zehn Meter über dem letzten Haken zu fürchten beginnt. Bei den Amerikanern ist es genau umgekehrt, da die Routen ausgezeichnet gesichert sind. Ein Risiko für Leib und Leben wird von vornherein aus­geschaltet, aus dem Klettern wird eine rein sportliche Tätig­keit; die einzige Ungewißheit besteht darin, daß man nicht weiß, ob man ausreichend trai­niert ist oder nicht.

Das Klettern in großen Wänden kann uns große, unvergeßliche Erlebnisse geben und ist viel­leicht die letzte

  • wandern gruttenhütte
  • training yosemite europa
  • outdoor kassettenrecorder
  • kassettenrecorder outdoor

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

More from our blog

See all posts
 
 
No Comments