the Shield

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Januar 1980
Seit drei Tagen hat uns nun dieser verfluchte patagonische Sturm in unserer Eishöhle am Fuß des Cerro Torre zur Untätigkeit verbannt. Nur in den kurzen Pausen, die der tobende Schneesturm einlegt, windet sich, bei dringendem Bedarf, einer aus unserer internationalen Leidensgemeinschaft durch den frostigen Gang hinaus ins Freie. Jeder hat schon unzählige Male mit zusammengekniffenen Augen den Schneehang abgetastet, über den Bill Denz, unser neuseeländischer Freund, eigentlich schon längst vom Einstieg am Cerro Torre hätte zurückkommen müssen. Es ist derselbe Schneehang, aus dem vor wenigen Jahren die sterblichen Überreste von Toni Egger herausgetaut sind. Bill hat nun schon vier Biwaks an der
SO-Kante des Torre hinter sich. Kann er da überhaupt noch über dieses Schneefeld zurückkommen?

Am vierten Morgen hat sich das Wetter deutlich gebessert. Tom Baumann, der Amerikaner aus Oregon, hat dies als erster bemerkt und mehr noch, er hat Spuren im Schneehang gesehen, die auf die Eishöhle zuführten, wenige hun­dert Meter vorher aber wieder ver­schwunden sind. Bills Spuren! Mit einem Schlag sind Trübsal und Lethargie in hektische Stimmung umgeschlagen. Italiener, Franzosen, wir alle rennen, rutschen und stolpern den steilen Schneehang hinunter. Irgendwo muß Bill nach seiner Rutschpartie ja schließ­lich gelandet sein. Nach 250 Metern bricht der Hang in einen wild zerklüfte­ten Gletscherbruch ab. Und dort liegt Bill. Total erschöpft, an Schulter und Beinen schwer verletzt, hat er sich da seinem vermeintlichen Schicksal hinge­geben. Behutsam tragen wir ihn zur Schneehöhle hoch. Seine Verletzungen sind nicht tragisch, aber wie können wir ihn aus seinem Trauma herausreißen, einem Zustand, dem nur der verfällt, der den sicheren Tod vor Augen hat? Schließlich beginnt Don Peterson vom Yosemite Valley zu erzählen, in dem Bill viele Jahre gelebt und geklettert hat. Vom Leben unter kalifornischer Sonne und den Routen am El Capitan, die Bill als Technik-Spezialist dem mo­nolithischen Felsklotz abgetrotzt hat: Magic Mushroom, Excalibur, Cosmos, Shield, Tangerine Trip. Von den glück­lichen Tagen, die er wieder dort erle­ben wird, Bill versteht, und lächelt …

Oktober 1979

Die Moorwiesen im Yosemite Valley sind schon fast ausgetrocknet. Große Flächen ihrer steppengelben Gräser sind von tausenden Paaren Touristen­beinen flachgetrampelt; kraftlos, so spät im Jahr, können sie sich nun nicht mehr aufrichten. Von Jahr zu Jahr ist ihnen aber das gleiche Schicksal beschieden, denn aller Augen richten sich von hier aus auf den El Capitan, den „Häupt­ling” unter den Felsen und Wänden im alten Indianertal „Yosemite”.

Und nirgendwo sonst im Valley ist so viel aufregende, atemberaubende Klet­tergeschichte geschrieben worden, wie in den Wandfluchten des „El Cap”. Da­bei zeigt er eigentlich schlichte Archi­tektur: links vom Betrachter Südwest­wand, rechts die Südostwand, nur der Südpfeiler zwischen den beiden Wand­seiten springt deutlicher hervor. Nicht umsonst wurde er „Nase” getauft, als er 1958 seine ersten Besteiger fand. War­ren Harding und seine Freunde hatten an der Nase den Beweis erbracht, daß der El Capitan kletterbar war, daß zehn und mehr Tage in einer Wand verbracht…

…ler vor unserem Materialberg, wobei ich an einen Satz des kalifornischen Alt­meisters Royal Robbins dachte: „Die Herausforderung des EI Capitan war schon immer mehr eine Sache der Überwindung von Angst, als nur die Lösung des technischen Problems.” Tatsächlich zum Fürchten waren dann bald darauf unsere Rucksäcke ange­schwollen, die wir nur unter großem Schweißopfer die wenigen Meter von der Straße zum Einstieg bringen konn­ten. Die Logistik hatte uns ‘nicht nur die Mitnahme von 25 Litern Wasser — Bier­geschmack bevorzugt — empfohlen, sondern auch die Vorbereitung von drei Seillängen, in deren erster Reinhard an seinen Steigbügeln schon empor-schnurrte. Seltsamerweise war mir da weit weniger Erfolg beschieden, trotz heftiger Bemühungen, die übliche Seil­dehnung mit noch raumgreifenderen Schritten zu überbieten. Noch am Tag zuvor beim Baumtraining im Camp war ich bestens vorbereitet, hatte die Schlin­gen speziell auf meine Hebelverhält­nisse zurechtgeknotet. War ich Opfer eines bösen Streichs? Oder hatte sich da doch noch Angst eingeschlichen, die Unfähigkeit verursachte? Dann dieser teuflische Nachziehsack, dessen Rei­bung auf den relativ flachen ersten Seil­längen der Salathé-Route ich nur meine 78 Kilogramm Körpergewicht in maikä­ferähnlichen Pumpbewegungen entge­genbieten konnte. Und während wir im­mer umfangreichere Flaschenzug­systeme ausknobelten, klettert man auf der Talseite

  • yosemite
  • biwakplätze vogesen

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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