Einsamkeit am Devil’s Thumb

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Boulder —1. April

Das Arbeiten schafft mich, ächzen unter Bretterlasten, schier ewiglang Nägel einschlagen, Sägemehl auf meinem schweißbedeckten Rücken. Schleppen, sägen, nageln, neun Stunden täglich, sechs Tage in der Woche. Arbeit ohne Identifikationsmöglichkeit, mehr Holz-Schlachter denn Zimmermann. Es reicht zum Leben, doch der Kopf wird müde, nur widerwillig kriecht man morgens aus dem Bett.

Mit Dave Roberts hatte ich einmal kurz darüber gesprochen, im Juli die Nord­wand des Devil’s Thumb zu versuchen. Das nasse Bauholz und die krummen Nägel machen die Zeit bis zum Juli zu einer Ewigkeit. Einige Telefongespräche: In der Gegend der Nordküste war ein äußerst milder Winter, die meisten Heil­buttfangschiffe werden in wenigen Wo­chen von Seattle nach Alaska auslaufen. Ein grober Plan entwickelt sich in mei­nem Kopf. Von Fotos her wußte ich, daß die Nordwand des Devil’s Thumb zu dieser Jahreszeit vorwiegend Eisklet­terei bietet. Im vergangenen Winter hatte ich einige steile Eisrouten ge­macht und fühlte mich recht gut in Form. Ich glaube, die meisten Schwie­rigkeiten und Probleme bei einem gro­ßen Alleingang existieren vielleicht doch nur im eigenen Kopf, „psych-out”. Ich denke, ich besitze einen „guten Kopf”. Nein, ein großes, langes Unternehmen habe ich noch nie allein gemacht und ich kann mich nicht daran erinnern, je­mals länger als vierundzwanzig Stun­den ganz allein auf mich gestellt gewe­sen zu sein. Doch ernsthaft, was sollte so furchtbar daran sein, ein paar Wo­chen allein zu verbringen? Und dann, die Nordwand des Devil’s Thumb, allein; wäre das nichts? Und vor allem hätte die geistlose Schufterei ein Ende, auf der Stelle.

Petersburg — 3. Mai

Ich sitze unter dem Vordach der Biblio­thek wegen des typischen Alaskaregens. Vor fünf Tagen bin ich auf einem Fisch­dampfer, der zur Glacier Bay wollte, von Seattle herübergekommen. Morgen werde ich versuchen, eine Überfahrt über den Frederick Sund zu erwischen, um dann auf Skiern die fünfzig Kilome­ter über den Baird-Gletscher zur Nord­ostseite des Devil’s Thumb zurückzu­legen.

Kai Sandburn, eine Frau, die ich zufällig auf der Straße treffe, bewahrt mich vor einer schlaflosen „Biwaknacht” in der King Salmon Bar; sie bietet mir etwas zum Essen und einen Platz zum Schla­fen an und erzählt mir außerdem, daß man bei klarem Wetter von ihrem Haus den „Daumen” sehen könne. Jetzt aller­dings ist der Himmel im Osten von tief­hängenden Regenwolken verdunkelt. Das Bewußtsein, unterwegs zu sein, unterwegs eine Idee zu verwirklichen. er­staunt und verwundert mich. Diese Ver­wunderung hilft, die ersten kleinen An­wandlungen von Zweifel abzuwehren, die im Hinterkopf zu keimen beginnen.

Stikine Icecap — 6. Mai

Die Sonne ist verschwunden und ein Blizzard rüttelt am Zelt. Ich friere fürch­terlich in meinem Fußsack. Heute bin ich durch den Eisbruch geklettert, der den Baird-Gletscher unter dem Mount Burkett mit dem oberen Stikine Icecap verbindet. Ich fühle mich ausgebrannt und fertig. Der Blizzard begann ganz plötzlich, gerade als ich in den Bruch einstieg. Ich konnte mir gerade noch eine allgemeine Richtung einprägen, be­vor der Sturm losging, dennoch irrte ich stundenlang im Labyrinth der Seraks herum. Eine Sackgasse nach der ande­ren zwang mich, auf meinen eigenen Spuren wieder zurückzugehen, manch­mal in tiefblauen Spaltenschächten, manchmal hoch auf bizarren Eistürmen, stets auf den Skiern und mit meinem schweren, schwankenden Rucksack. Eigentlich hätte ich Steigeisen anlegen sollen, doch wollte ich die Skier nicht abschnallen, denn ich hatte Angst, ohne diese leichter in Spalten stürzen zu kön­nen. Bevor ich die Staaten verließ, hatte ich mir zwei schwere, drei Meter lange Aluminium-Schienen gekauft, die ich quer über den Rucksack schnallte, in der Hoffnung, daß sie mich vor einem Spaltensturz vielleicht bewahren könn­ten. Zweimal wäre ich heute schon fast in eine verschneite Spalte gefallen, beim zweiten Mal, als ich mein Bein vorsich­tig aus einem endlos tiefen Spaltenloch gezogen hatte, überkam mich die große Angst. Ich bereute es, nicht mehr Geld gespart zu haben, um mit dem Helikop­ter zum Berg fliegen zu können. Glet­scherüberquerungen sind vielleicht der einzig unverantwortlich gefährliche Aspekt des Alleingehens.

Basislager —10. Mai

Erst heute, zwei Tage später als er­wartet, kam das kleine Flugzeug, das mir den Rest meiner Ausrüstung brachte; furchtbar lange hatte der Pilot gebraucht, um mich und mein „Basis­lager” in der riesigen Eiswildnis zu fin­den. Mein Winken und Schreien war ziemlich zwecklos, als er, zwischen Wol­ken und Gipfeln kreisend, pro Stunde 150 Dollar verdiente. Nachdem er die letzte meiner sechs Kisten abgeworfen hatte, flog er davon, mich zurücklassend mit dem Gefühl des Alleinseins und der

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