Droites Nordwand 25 Stunden NonStop

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Wir sahen die Sonne untergehen, die Sonne aufgehen und wieder unterge­hen. Stürmischer Westwind hat die Wol­kenfetzen verblasen, welche vor Stun­den noch Himmel und Berge umhüllten. Ich krieche aus meinem Schlafsack und sehe die Dru im Abendrot leuchten, langsam sinkt die Sonne.

Halb zehn Uhr mahnt zum Aufbruch. Wir packen unsere Säcke und ziehen uns warm an. Ich werde mit Luis, dem Spanier klettern, Sebastian und An­dreas als zweite Seilschaft. Die letzte Dämmerung sieht uns vier von der Seil­bahnstation zum Agentière-Gletscher hinuntersteigen, die Nordwand der Droites liegt im letzten fahlen Licht. Um zwölf Uhr nachts kommen wir am ge­waltigen Bergschrund an. Luis kennt dessen schwächste Stelle. Wir seilen an, er führt zuerst.

Bei den Eisschläuchen weiter oben macht mir eine steile Passage zu schaf­fen. Die dünne Platte, die ich queren muß, scheint mir etwas riskant. Auch habe ich verabsäumt, genügend Eis-schrauben mitzunehmen. Ich habe keine mehr und steige immer höher, auf der Suche nach Hakenrissen in der angrenzenden Felswand. Der endlich eingerichtete Stand an zwei faulen Messerhaken und einem Klemmkeil zwischen Fels und Eis überzeugt mich nur wenig.

Während wir über das große Eisfeld Seillänge um Seillänge höhersteigen, verblassen die Sterne, im Osten löst zunehmend lichtes Blau das Schwarz der Nacht, ein neuer Tag dämmert, Gip­fel leuchten im Sonnenlicht, wärmende Strahlen fluten schräg in die Wand. Der Weiterweg verspricht harte Klette­rei. Über dem gleichmäßig geneigten Eisfeld steilt sich die Wand entschieden auf und formt einen Gürtel eisdurch­setzter, eisüberzogener Felsen. Meh­rere Durchsteigungsmöglichkeiten ver­muten wir, Möglichkeiten allerdings, je­weils versehen mit einem ernsten Fra­gezeichen.

Was eigentlich wollen wir hier, in die­ser Wand? Warum schlagen wir uns durch die Nacht in Steigeisen und Kälte?

Gründe sind fadenscheinig, suchen ist müßig. Andere lassen sich befehlen zu schießen, richten Waffen auf Menschen. Noch andere, Selbstmörder, richten Waffen auf sich. Der Asket endlich macht seinen eigenen Körper zur Waffe gegen Windmühlen. Sind wir so? Sind Berge Windmühlen, riesige Windmüh­len eines fremden Raumes, der nor­mierten Sinn nicht kennt und die Flügel seiner Mühlen oft beliebig wachsen und gefährlich kreisen läßt? Asket zu sein ist nicht mein Ziel. Asket gewesen zu sein aber hinterläßt das angenehme Gefühl zufriedener Entspannung und formt im Körper geschmeidige Kraft. Der Weiterweg verspricht harte Klette­rei. Immer steiler wird das Eis. Einige Meter oberhalb links im Fels zieht ein Hakenriß, besteht die Möglichkeit einer ausgesetzten Querung über vereisten Granit. Einige Meter noch, die letzte Zwischensicherung, ein Klemmkeil liegt fünfzehn Meter tiefer. Als ich die Höhe des Risses im Fels neben mir erreicht habe, ist das Eis so steil, daß ich keine Hand mehr am Körper vorbeibewegen kann, ohne das Übergewicht nach hin­ten zu spüren, welches der eingeschla­gene Eishammer ausgleichen muß. Zur Beruhigung setze ich zwei Haken, was lange dauert. Der folgende Quergang dauert noch länger. Die anderen frieren unten, Luis verflucht mich insgeheim, Sebastian quert im Eisfeld und sucht Alternativen, Andreas wartet geduldig. Erst später rechtfertigt mich die objek­tive Schwierigkeit dieser Seillänge. Knapp rechts vom Stand zieht ein ganz schmaler Eisschlauch fast senkrecht nach oben. Ungläubig beobachte ich Luis, er beeindruckt mich. Spätestens seit diesem Moment ist mir klar, daß ich einen hervorragenden Partner ge­funden habe. Ich kenne ihn nämlich noch kaum. „Leichtsinnig”, mögen die Alpin-Philister sagen, und das ist es auch, wenn man alles rational besieht. Aber da war so eine Schwingung ge­genseitigen Vertrauens. Ungläubig be­obachte ich Luis.

Hundert Meter höher bringt uns eine Rechtsquerung in sehr steiles Eis. Wie sich später herausstellt, kletterten wir ab hier eine neue Variante, die nach vier Seillängen wieder in die Original-route mündet.

Der nächste Standplatz strahlt Unruhe und Zweifel aus. Zwei Schrauben fixie­ren mich an der 70 Grad steilen Flanke, noch steileres Gelände liegt unter mir, ein weiterer Aufschwung wartet über uns. Unangenehm saugt der Blick in die Tiefe. Abbrüche wechseln mit Eis­feldern. Ganz tief unten dehnt sich ge­duldig der flache Gletscher. Zwei Eis-schrauben, zwei Menschenleben, so spielen meine Gedanken.

Skeptisch betrachtet Luis die nächste Seillänge. Sein kurzes Zögern ist auch nicht ganz frei von der Unmittelbarkeit des Abgrundes.

Während er bald die erste

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