Im Reich der Meije

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Nachdenklich betrachtet Alice das Schaumgebäck, das ihr den Weg versperrt. Sie nähert sich ihm, um es mit ihren kleinen Händen zu betasten. »Das muß doch eine Sahnetor­te sein«, denkt sie. Alice ist im Reich der Meije. Überall hängen diese riesigen Schaumrollen herab, ein Labyrinth von Creme und leckerem Eis… Wäre Lewis Carroll Alpinist gewesen, hätte er Alice vermutlich ins Wunderland des Dauphi­né geschickt.

Das Chaos von metallisch glänzenden Eistürmen über meinem Kopf jagt mir kalte Schauer über den Rücken. Diese Kartenhäuser fallen nicht nach Plan in sich zusammen. Mit weit ausholenden Schritten entferne ich mich von dem be­drohlichen Séracbruch. Erst einmal der Gefahr entkommen, genieße ich die letz­ten Momente der Angst — oder einer be­sonderen Art von Vergnügen?

Trotz Plage: ein Gefühl, wie wenn sich der Himmel auftäte

Alice springt über den Bergschrund und eilt rasch den lockenden Stimmen, die aus dem Gletscher zu ihr heraufdringen, davon, flieht geschwind vor den Unge­heuern am Grund des Schlundes, die sie zu einer Reise fern von Sonne und Licht hinunterziehen möchten…

Mit einem Ski bin ich schon über dem Schrund. Als ich den anderen nachziehe, spüre ich Angst vor dem bläulich schim­mernden Riesenmaul, das auf mich lau­ert. Aber nachdem die Kluft überwunden ist, spüre ich trotz der Anstrengung ein Gefühl, wie wenn sich der Himmel auf­täte. Noch eine Biegung und ich stehe auf dem Col de la Girose, im blendenden Licht. Der gesamte Oisans breitet sich vor mir aus. Ist der Alpinismus eigentlich etwas anderes als die Darstellung unserer Träume und verrücktesten Wünsche, un­serer Waghalsigkeit und Feigheit, unserer Phantasien?

Alice ist wieder da, blinzelt in die Sonne und räkelt sich unter den warmen, süßen Strahlen. Die Furcht vor den bedrohli­chen Spaltenmäulern ist vergessen, Alice ist jetzt auf dem Gipfel der Torte. Und von hier aus sieht sie unzählige solcher Köstlichkeiten, ein wahres Meer von Leckerbissen, und bald träumt sie von einem Oisans aus Schokolade.

Wäre doch die Abfahrt vom Col auch so  ein süßer Traum! Steil geht es von hier hinunter, ehe die Anspannung auf den flacheren Hängen des Glacier de la Selle nachläßt. Diese Sonne! Der Kessel süd­lich des Rateau ist ein Backofen. Ich be­ginne den Aufstieg zur Brèche du Rateau, dem zweiten Col auf meiner Runde. Bald sehne ich mich danach, daß die Steilheit aufhört. Noch ein kurzes Stück mit den Ski auf dem Rucksack und endlich die Scharte. Mein Blick erfaßt die Meije, ihre steile Südwand und den kleinen Glacier Carré unter dem Südwestgrat, dem man so nahe zu sein glaubt, daß man ihn mit einer kurzen Querung erreichen müßte. Die Abfahrt von der Brèche rückt die Di­mensionen wieder ins richtige Licht. Über siebenhundert Höhenmeter setze ich Schwung an Schwung, eine große Anstrengung, aber der Schnee ist wun­derbar.

Der Gletscher: Meisterwerk  eines verrückten Konditors

Dann der gute alte Aufstieg zum Refuge du Promontoire — immer wieder dasselbe, endlos. Wie wenn einen die Hütte zum Narren halten wollte. Schon vom Tal­grund weg glaubt man, sie vor der Ski­spitze zu haben. Der Schatten des Rateau verjagt Alice und mich in die letzten Son­nenstrahlen. Lange Zeit bleiben wir ste­hen, um die Berge zu betrachten, die eine immer rosigere Farbe anzunehmen schei­nen. Bald träume ich von einer langen, zuckerübergossenen Abfahrt, die mit einem mächtigen Sturz in Maronencreme endet.

Am anderen Morgen steige ich in die Brè­che de la Meije hinauf. Sie liegt noch im Schatten, das habe ich nicht erwartet. Von dieser großartigen Etappe der Rund­tour hatte ich schon so oft geträumt, daß sie mir in allen Einzelheiten vertraut zu sein schien. Aber Träume sind eben Träume, das mußte auch Alice erfahren, als sie, den Kopf im Schoß ihrer Schwe­ster, am Bachufer erwachte. Trotzdem — die Querung unterhalb der Nordwand der Meije ist einfach phantastisch. Langsam gewöhne ich mich an diese gewaltigen Aufbauten eines verrückten Konditors, eines größenwahnsinnigen Eiscreme­künstlers, dessen Meisterwerk der Glet­scher der Meije ist. Und dann das Refuge de l’ Aigle.

Kurzinformation zur Tour

Talort: La Grave, 1474 Meter, bekann­ter Bergsteigerort im Norden der Meije. Zufahrt von Osten über Briançon und den Col du Lautaret, von Westen über Grenoble und Bourg d’Oisans.

Erste Etappe: Von La Grave Seilbahnauffahrt zum Col des Ruillans, 3290 Me­ter. Nun in fast südlicher Richtung über den Gletscher, zuletzt über den Berg­schrund und steil in den Col de la Girose 3518 Meter. Von hier durch das südseiti­ge, sehr steile Couloir abfahren (oder, je nach Können bzw. den Verhältnissen, absteigen) zum Glacier de la Selle. Steiler Aufstieg zur Bréche du Rateau,  3235 Me­ter, und Abfahrt in den Talgrund von Etançons. Nun nördlich zum Refuge de Promontoire, 3092 Meter, aufsteigen.

Zweite Etappe: Auf den westlichen Arm des Glacier des Etançons und nördlich steiler Aufstieg in die Brèche de la  Meije, 3357 Meter. Jenseits rechts unter die Meije-Nordwand absteigen, über den Bergschrund und unter ihm und der Meije nach Osten queren. Nach einem kurzen Abstieg erreicht man eine Schneerinne (»Serret du Savon»), die zum Meijettegrat hinaufzieht. Mit Steigeisen durch die, je nach Verhältnis­sen sehr schwierige, Rinne empor und vom Grat ansteigende Querung zum Refuge de l’Aigle, 3441 Meter.

Dritte Etappe: Vom Refuge über den Glacier du Tabuchet nach La Grave. Man fährt nach Möglichkeit immer am rechten Rand des Gletschers und immer ziemlich genau nach Norden hinunter, bis zur jungen Romanche. Von dort westlich nach La Grave hinauf.

Charakter und Schwierigkeiten: Groß­artige, jedoch sehr schwierige Skihoch­tour, nur für ausgezeichnete, konditions­starke Skialpinisten, die gleichwohl in sehr steilem Schnee (Eis) aufsteigen als auch abfahren können. Weite Strecken dieser Tour sind eisschlaggefährdet, vor allem die Querung unter der Meije-Nord­wand. Reines Frühjahrsuntemehmen, nur bei vollkommen sicheren Schnee­verhältnissen möglich.

Führer und Karten: Führer durch den Haut Dauphiné von Lucien Devies und Maurice Laloue (Bergverlag Rudolf Ro­ther, München). Karte Masifs Ecrins-Haut Dauphiné, Maßstab 1:50000 bzw. entsprechende Teilblätter im Maßstab 1:20000, herausgegeben vom Institut Geographique National (IGN).

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