Der Trafoierkamm und die nördlichen Seitenkämme

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Trotz des gleichmäßigen, fast gradlinigen Verlaufs des Hauptkamms und des regelmäßigen Aufbaus, dessen wesentliche Eigentümlichkeiten oben kurz hervor­gehoben sind, lassen sich in der Trafoier Gruppe zwei Gebiete von sehr verschie­dener Eigenart unterscheiden. Der westliche Teil hat ausgesprochenen Plateaucharakter. Aus weiten, sanft geneigten Schneefeldern ragen die breit hingelagerten Gipfel der Hauptkette und des nordwestlichen Querkamms nur mäßig hervor, auch weniger rüstigen Wanderern eine leichte Beute. Anders die östliche Hälfte. Zerrissene Felskämme streichen hier von der Hauptkette nach Norden; in den tiefen Schluchten zwischen ihren Felswänden wälzen steile Gletscher zerborstene und zerspaltene Eisschollen tief herab in das Haupt Tal, es sind die wildesten und zerklüftetsten der ganzen Ortlergruppe zwischen Madatsch- und Nashornkamm der Trafoier Ferner, zwischen Nashorn und den Hinteren Wandeln des Ortlers der Untere Ortlerferner, dessen oberen Teil der Fernerkogelkamm in zwei Arme teilt. Sanfter gelagert sind die Gletscher der Südseite, die Vedretta di Campo, dei Camosci, del Zebru; aber sie sind von den touristischen Zentren der Gruppe weit entlegen und mühsam zu erreichen. So ist schon die Wanderung bis zum Fuße der Gipfel schwierig oder doch beschwerlich. Diese unterscheiden sich durch ausgeprägte Eigenart vorteilhaft von ihren gleichförmigen westlichen Nachbarn, sie erfreuen das Auge durch die Schönheit ihrer Linien, wie beispielsweise die zierliche Schneeglocke, oder sie reizen den Bergsteiger durch die Schroffheit und Kühnheit ihres Aufbaus, wie der trotzige Felskegel des Vorderen Madatsch und die steile Trafoier Eiswand.

Beide Vorzüge vereinigt in nahezu vollkommener Weise der Kulminationspunkt der Gruppe, die Professor P. C. Thurwieser zu Ehren benannte Thurwieser­spitze, 3648 m. Zu ihr führen nicht wie auf Ortler und Königsspitze neben sehr schweren auch leichtere Anstiege; sie ist auf allen Seiten durch schroffe Felsen oder steile Firnwände wohl verteidigt und gilt mit Recht für den schwierigsten Gipfel der ganzen Ortlergruppe. Trotzdem oder richtiger deswegen war und ist sie heute mehr als je ein besonders erstrebenswertes Ziel und erfreut sich unter allen Hauptgipfeln der Trafoier Gruppe fast des zahlreichsten Besuchs. Auch Freund Lausberg und mich bestimmte in erster Linie der Ruf der Schwierigkeit, in dem der Berg damals mehr noch wie jetzt stand, im Sommer 1893 die Thurwieserspitze auf unser Programm zu setzen. Ein feiner Nebel verhüllte zeitweilig die Berge, als wir am Morgen des 30. August die Bäckmannhütte verließen und bald den Sulden­ferner betraten. Bei dem hellen Mondschein war es trotzdem nicht dunkel, und das Wiedererscheinen der mondbeleuchteten Bergriesen, wenn die Nebel sich teilten, zeigte Bilder von märchenhafter Schönheit. Als wir am Fuße des Hochjochs an­gekommen waren, verschwand der Mond hinter dem Zebru, und die ersten Sonnen­strahlen erschienen. Der steile Hang war wieder einmal stark vereist und machte uns oder doch unseren Führern A. Pinggera und F. Reinstadler viele Mühe. Endlich um 8 Uhr 10 Minuten war die Hackarbeit getan und das Hochjoch erreicht. Nach einer Rast von 50 Minuten ging es weiter, zuerst ungefähr 200 m hinab über den obersten Teil des Zebrugletschers zum Ortlerpaß, 3353 m, dann reichlich ebenso viel wieder hinauf zum Großen Eiskogel, 3579 m. Er ist ein sehr zahmer Berg, dieser Eiskogel, wie Paver ihn taufte, und seine sanft gerundeten Formen passen nicht recht hinein in die wilde Umgebung. Nach Norden ist ihm ein ähnliches Gebilde, der Kleine Eiskogel, vorgelagert, das durch einen stellenweise schmalen, aber nicht schwierigen, bogenförmigen Schneekamm mit dem felsigen Fernerkogel, 3242 m, in Verbindung steht. Seitdem Payer am 6. Oktober 1866 mit J. Pinggera die beiden Eiskogel bestieg, haben sie um ihrer selbst willen wohl kaum wieder Besuch empfangen, werden aber bei Besteigung der Thurwieserspitze nicht selten überschritten. Ebenso leicht wie vom Ortlerpaß hinauf geht es nun auf der anderen Seite des Eiskogels hinab zum Thurwieserpaß (10 Uhr). Da lag sie nun vor uns, die berühmte Thurwieserschneide, von deren Steilheit und Ausgesetztheit wir schon so viel gehört und gelesen. In der Tat, höchst luftig ist der Pfad, der da hinauf­führt, und man versteht, dass die Erstbesteiger, Th. Harpprecht und Führer Schnell von Kals, Bedenken trugen ihn zu versuchen. Uns wurde die Besteigung sehr da­durch erleichtert, dass tags zuvor Peter Dangl einen Engländer auf den Gipfel ge­führt und ganz vortreffliche Stufen hinterlassen hatte, die unsere Führer kaum aus­zubessern brauchten. So konnten wir den Grat, der bei ungünstigen Verhältnissen mehrstündiges Hacken erfordert, in 36 Minuten zurücklegen und betraten die Spitze um 10 Uhr 36 Minuten.

Der Thurwieser gehört nicht zu den Bergen, die man der Aussicht wegen besteigt; doch ist auch sie in hohem Maße lohnend, vorzüglich wegen der Groß­artigkeit der nächsten Umgebung. Aber auch der Fernblick ist nicht unbedeutend.

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