Hintere Karlspitze aus dem Schneeloch – Kaisergebirge

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(nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Man könnte diesen dem Kaisergebirge gewidmeten Blättern einen schweren Vorwurf machen, wenn sie nicht auch die Schilderung einer Bergfahrt in dem innersten und durch die Energie seines Aufbaues und besondere Individualität der Gipfel ausgezeichneten Teile des Gebirges enthalten würden. So seien die folgenden Zeilen dem Karlspitzenstock gewidmet.
Vier wackere Bergkameraden schritten am frühen Morgen des 26. Juli 1896 gemächlich zum 10o und x ten Male den Stripsenjochweg empor: Frhr. v. Reuss, Fr. Zimmermann und mein Bruder Ernst; meine Bescheidenheit hindert mich nicht, mich selbst als vierten zu dieser Kategorie zu zählen. Es war ein Tag von goldener Schönheit, der von selbst die Herzen höher schlagen machte, ein Tag, wie sie im Jahre des Unheils 1896 so selten waren, und darum doppelt freudig von uns begrüßt. Die Extreme berühren sich: wir gedachten an diesem lebensprühenden, die ganze Natur mit Kraft und Daseinsfreude erfüllenden Tage in die unwirtlichste Öde, den verlassensten und wildesten Winkel des Wilden Kaisers, das todesatmende, lebenvernichtende Schneeloch einzudringen. Auf dem Stripsenjoche hielten wir natürlich die obligate Rast und erleichterten, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, Reuss’ herausfordernden englischen Büchsenspeck um etliche Viertelpfunde. Das Schneeloch öffnet sich gerade gegen uns, rings umschlossen von den mächtigen Wänden der Fleischbank, der Hinteren Karlspitze und des Totenkirchels ; und nicht genug an dieser völligen Abgeschlossenheit, stürzt auch seine Sohle an der allein offenen Seite mit einer unbezwingbaren Mauer zum Wilden Anger ab. Bei solch’ guter Hut ist es nicht zu verwundern, dass das Schneeloch erst anno 1890 von Menschen betreten wurde. Vom Massiv des Totenkirchels durch einen dunklen, weitklaffenden Riss geschieden, schiebt sich von rechts ein Pfeiler an jene Mauer und reicht bis zum untersten Boden des Schneelochkessels heran. Grüne Flecken zeigen, dass er von Grasbändern durchzogen ist und offenbar den besten Zugang zu dem verlassenen Kessel bietet.
Bevor wir wieder aufbrachen, wurde unsere heutige Fahrt feierlich als »Bummel für das Gemüht« mit allen Folgen einer solchen Klassifizierung, als da sind: ‘Bedächtiger Naturgenuss, Langsamgehen, viel Essen und Trinken, sowie ausgedehnte Rasten, erklärt und sogar der schnöde Unfug des Aufschreibens der Zeiten energisch verboten. Da, um jede Versuchung auszuschließen, nicht einmal ein Notizbuch das Tageslicht erblicken durfte, so kann ich leider Wissbegierigen keinerlei Aufschluss über Zeitaufwand und ähnliche Dinge geben. Man sieht, wenn wir viel angefeindete Hochtouristen auch nicht gerade immer den leichtesten Anstieg auf die leichtesten Spitzen wählen, so sind wir doch. nicht nur »sinnlose Gymnasten«, welche die Berge »nur als Klettergerüst« betrachten und in der Phantasie mancher »braven« Alpinisten mit einer Binde vor den Augen, um ja durch die Schönheiten der Bergwelt nicht abgelenkt zu werden, auf die schwersten Gipfel hetzen, dort einen Blick auf die Uhr werfen und sodann wieder herunterrasen, um noch einen zweiten oder dritten Berg an demselben Tage abzuklettern, Abends todmüde auf das Lager zu sinken und am nächsten Morgen dasselbe sinnlose Tageswerk wieder zu beginnen.

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Auf dem zur Griesener Alm führenden Wege eilten wir ein Stück hinab, bis wir um einen Felssporn zur Rechten biegen und wieder zum Einstiegspfeiler emporgehen konnten. Der Weg über diesen ist, namentlich im unteren Teile, nicht eicht zu finden und die Kletterei selbst wird in den oberen, luftigen Partien, wo schmale Graspolster im Zickzack durch die vom Wasser zerfressene und von Lawinen geglättete Mauer führen, ziemlich schwierig. Das Schneeloch ist, wie gesagt, gut verbarrikadiert. Völlig ebene Traversen leiteten schließlich in seine Sohle hinein.
Niemals habe ich einen Ort von gleicher, schauerlicher Öde, von so unsäglicher Einsamkeit, aber auch von so nieder drückender Großartigkeit gesehen. Des Kessels kaum 150 m breite Sohle, bedeckt mit ewigem Schnee, der in langer Steile von der Karlspitze niederwallt, wird eingeengt von 500 m hohen Wänden; nirgends ein Pflänzchen, keine Blume, nicht einmal bewegliches Gerölle, nur auf Schnee und Eis und starrende Wandfluchten fällt der scheue, irrende Blick; kein Laut unterbricht das unheimliche Schweigen, wenn nicht der Schrei des Adlers vom Gewände widertönt oder im Frühjahre die Lawinen sich von allen Seiten in den Kessel stürzen, die ebene Sohle durchbrausen und mit höllischem Gedröhne aufbrandend in gewaltigem Bogen über die Schlusswand bis in den Wilden Anger sich werfen. Eine Szenerie, würdig der Phantasie eines Dante, ein Platz, dem der unsterbliche Dichter vielleicht nicht die letzte Stelle in seiner Hölle angewiesen hätte! Wir mussten unseren ganzen Humor zusammennehmen, um uns von dem lähmenden Einfluss dieser Umgebung freizumachen, und kürzten daher gerne unseren Aufenthalt ab. Freund Zimmermann, unser »Eismanne, der Felsen nur als Terrain zweiter Klasse betrachtet und jedes Mal seinem Schöpfer dankt, wenn er seinen Fuß auf ein paar Meter Schnee oder Eis setzen oder gar den Pickel schwingen kann, eilte mit gewaltigen Schritten voraus und über den steil ansteigenden Firnhang hinan, der uns zur Nordwand der Hinteren Karlspitze bringen sollte. Ich folgte seinen Spuren, und als die anderen, welche eine selbstständige Partie bilden und gesondert am Seile gehen wollten, nachgekommen waren, hatten wir schon die breite und tiefe Randkluft überwunden und kletterten jenseits zu einem langen Bande empor, das wir nach rechts verfolgten. An seinem Ende befindet sich der obligate Überhang mit dünnem, ihn durchziehenden Riss, eine kurze, aber ungewöhnlich schwere Kletterstelle, deren Überwindung mir, da ich wie gewöhnlich in Nagelschuhen und mit vollem Gepäck kletterte, nur knapp gelang. Meine Gefährten legten auf das hin ihre Kletterschuhe an; bald standen wir wieder vereint in einer kleinen Mulde, von der aus wir verschiedene Richtungen einschlagen konnten. Wir erinnerten uns an das Sprichwort vom goldenen Mittelweg und hatten damit das Ungeschickteste gewählt. Über Platten und Wandstufen ging es zum Teile recht schwierig und exponiert gerade empor; jene breite Terrasse, welche — von der Winklerscharte bis zur Schöllhornscharte reichend — die Nordwand des Berges quer durchzieht, schien schon zum Greifen nahe, aber die Mulde, welche wir benützten, wurde schließlich oben ringsum durch eine überhängende Mauer abgesperrt. Wir fanden zwar einen Ausweg durch einige Kamine zur Rechten, aber dieselben waren derartig, dass ich noch in der Erinnerung einen ziemlichen Respekt vor ihnen habe. Aber schließlich lagen wir doch auf einmal jeder vor dem geöffneten Rucksack, faul ausgestreckt, neben einem kleinen Schneefleck am Rande der Terrasse, pflogen eine animierte Unterhaltung mit einer befreundeten Karawane, die gerade den Gipfel des Totenkirchels zierte, rauchten, plauderten und — schliefen dann zur Abwechslung ein wenig. Ein hartes Lager auf Fels und Schnee, ein frugales Mahl mit einem Schluck Wasser, ein paar gute Freunde bei sich .und eine möglichst große Entfernung von der drängenden und hastenden Welt — wie wenig braucht doch der wahre Alpinist, um glücklich zu sein!

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Endlich ging’s hinauf zum Ziele! Das jähe und beinharte Firnfeld, das auf unserer Terrasse auflag, hatten wir bald unter uns und unser »Eismann« hatte nun wieder die Freude, mit Grazie die messerscharfe Kante der tiefen Randkluft abschreiten zu dürfen, bis ein Übertritt auf die Felsen gefunden war. Anfänglich schwierig, dann zusehends leichter, gelangten wir, schon hoch oben, auf den zur Winklerscharte ziehenden Grat und über diesen zur stolzen Warte der Hinteren Karlspitze.
Die Karlspitzen sind der vornehmste Aussichtspunkt des Kaisergebirges. Sie teilen eben mit den anderen höchsten Gipfeln die unbeschränkte Aussicht auf die eisumflossenen Höhen der Zentralalpen, die sich vom Stubai bis zum Ankogel aufrollen, sie teilen mit ihnen den weiten Blick in das grüne Flachland; aber nirgends sonst bietet sich solch ein erhabener Anblick unbändiger Felsnatur, wie ihn diese im wildesten Teile des Wilden Kaisers liegenden Gipfel gewähren.

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