Hintere Gamsflucht – Wilde Kaiser – Kaisergebirge

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Kein Feiertag steht seit langer Zeit bei den Alpinisten katholischer Länder in solchem Ansehen wie der Peter- und Paulstag, der schon seit Jahren die angenehme Gewohnheit hat, neben oder doch in die Nähe eines Sonntags zu fallen. Ich folgte dem Beispiele vieler Freunde und verlegte mit großer Bereitwilligkeit, als das Ende des schönen Juni 1895 heranrückte, den Schauplatz meiner Tätigkeit aus den Hallen der alma mater LudovicoMaximiliana zu den erhabeneren Domen des Wilden Kaisers. Wie alle Jahre, so sahen diese Tage auch heuer eine solche Anzahl bergeifriger Mitglieder des Akademischen Alpenvereins München in (nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Hinterbärenbad vereinigt, dass wir allen Grund hatten, über unsere Pläne den Mantel sorgsamen Stillschweigens zu decken. Dementsprechend verschwanden wir — Sigmund Frhr. von Reuss und meine Wenigkeit —am 27. Juni mit möglichster Geräuschlosigkeit stripsenjochwärts und suchten uns ein Nachtquartier in der Grieseneralm. Die damals selten schlechten Betten hatten den Effekt, dass wir am nächsten Morgen um halb 5 Uhr völlig gerädert die sonst recht gastliche Stätte verließen und richtig 21/4 Stunden benötigten, um unsere gequälten Körper durch das große Griesener Tor zur Scharte zwischen Klein- und Mitterkaiser emporzuschleppen. Diese Einsattlung, bis zu welcher ein guter Jägersteig emporführt, ist der Schlüssel für sämtliche Touren aus dem Griesener Kar, und auf ihr angelangt, sahen wir auch unser heutiges Ziel, die jungfräulichen Gamsfluchten, in voller Entfaltung vor unseren Augen sich ausbreiten. Der Berg weist uns seine westliche Längswand, die ebenso sehr durch ihre Längenausdehnung wie durch ihre eigentümliche Struktur imponiert. Durch eine große Anzahl schief von links nach rechts ansteigender, einander genau paralleler, aber hoch über dem Gerölle abbrechender Couloirs in förmliche Kulissen geteilt, erhält sie ein Aussehen, als ob eine Reihe von Riesenschwertern nebeneinander gestellt sei. Es trat nun an uns die Frage heran, welchen der beiden, durch einen langen, vieltürmigen Grat getrennten Gipfel wir angehen sollten; dessen eingedenk, dass Widauer den nördlichen mit einem Touristen im Vorjahre vergeblich versucht hatte, beschlossen wir, an diesem zu probieren , ob unser Beginnen mit einem besseren Erfolge gekrönt würde. Um an die Wand zu gelangen, stiegen wir von unserem Rastplatze etwas ab und querten über Geröll und Schneereste den obersten Kessel des östlichen Griesener Tores, bis wir nach einer halben Stunde die projektierte Einstiegsstelle erreichten. Dieselbe befindet sich in der Mitte der Westwand, direkt unter dem großen Abbruch einer von rechts nach links ziehenden, auffälligen Rinne, welche die entgegengesetzt streichenden, parallelen Couloirs schneidet und unmittelbar südlich der Hinteren Gamsflucht in der tiefsten Gratscharte endigt. Wir ließen den größten Teil des Gepäckes zurück, legten das Seil an und begannen um 8 Uhr die Kletterei, indem wir zunächst ziemlich schwierig den großen Abbruch nach links umgingen. Nach einem Aufstieg von ca. 5o m in der Wand konnten wir in das Couloir einbiegen und dasselbe nunmehr bis zur tiefsten Scharte beibehalten. Die Kletterei war, ohne wesentliche Schwierigkeiten zu bereiten, sehr anregend und wegen der eigentümlichen Felsformation und der wilden Details, durch die sie führte, in hohem Grade interessant. Um 9 Uhr 15 Min. standen wir auf der Scharte, wo sich plötzlich ein schöner Ausblick über die furchtbar jähen Wände der Ostseite auf den grünen Talboden von Gasteig erschloss. (nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Nach einer längeren Rast, während welcher wir auch eine Notiz der im Vorjahre zurückgeschlagenen Partie auffanden, brachen wir zur völligen Erklimmung des noch gegen 7o m hohen Gipfelturmes auf. Der ungewöhnlich steile und exponierte Grat schwingt sich in drei Absätzen empor, von denen der erste relativ leicht ist — Steigeisenkratzer zeigten, dass bis hierher auch unsere Vorgänger gekommen waren —; der senkrechte und brüchige zweite dagegen gibt schon eine härtere Nuss zu knacken. Am dritten Absatz erreichen die Schwierigkeiten ihren Höhepunkt. An eine jähe und absolut scharfe Schneide setzt plötzlich eine überhängende Mauer an, die nicht direkt vom Grate erklettert werden kann, sondern erst einen schwindligen Quergang nach rechts erfordert, bis sie angreifbar ist. In sehr exponierter Lage muss man sich sodann an einem Griffe mit nur einer Hand in die Höhe ziehen, damit die andere hoch oben nachgreifen und den Körper auf eine kleine Plattform schwingen kann. Dieses wenn auch nur kurze Stück, muss als eine Kletterstelle ersten Ranges bezeichnet werden; der bekannte Zeigefingergrat der Fünffingerspitze z. B. kann sich neben ihr nicht sehen lassen. Damit sind indes alle Schwierigkeiten zu Ende; ein schneller Lauf durch eine kleine Schrofengasse und über einen Vorgipfel brachte uns (1/2 Stunde von der Scharte) auf den jungfräulichen Gipfel.

(nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Die Freudenjuchzer, welche Reuss bei der Erreichung des nicht leicht errungenen Zieles vom Stapel ließ, ermöglichten uns sofort die Entdeckung, dass unsere Spitze durch ein neunfaches Echo von ungewöhnlicher Schönheit ausgezeichnet ist. Dieses schöne Echo war übrigens beileibe nicht die einzige gute Eigenschaft des stolzen Wartturmes; auch die Rundsicht war in hohem Grade befriedigend und lehrreich. Den Glanzpunkt bildet natürlich die Umrahmung des Griesener Kares, für dessen Betrachtung die Hintere Gamsflucht gerade weit genug außerhalb des Hauptkammes steht, um einen durch nichts gehinderten Überblick gewinnen zu lassen, während andererseits die Entfernung von allen Gipfeln so gering ist, dass jedes Detail mit freiem Auge sichtbar wird. Entzückend ist der Anblick einzelner Stubaier Berge, die in dem tiefen Einschnitt des Kleinen Törls wie von einem Rahmen umschlossen erscheinen, während durch die Depression zwischen Maukspitze und Ackerlschneide die Hohen Tauern vom Großglockner bis zum Ankogel hervorlugen. Einen mächtigen Eindruck machen auch die Loferer und Leoganger Steinberge, denen sich ja der Gamsfluchtkamm und die Maukspitze am meisten nähern.

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Nachdem wir einen Steinmann von ziemlich ungeheuerlicher Dimension erbaut hatten, nahmen wir um 12 Uhr 10 Min., nach nahezu zweistündigem Aufenthalte, Abschied von unserem Gipfel und bewerkstelligten mit bedächtiger Vorsicht den Abstieg über die schwierigen Gratstellen. Dann ging es schnell durch das vormittags benützte Couloir an den Fuß der Westwand und über den Sattel zwischen Klein-und Mitterkaiser durch das westliche Griesener Thor hinab nach dem gastlichen Hinterbärenbad (5 Uhr 50 Min.).

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