Die erste Überschreitung des Predigtstuhles – Wilde Kaiser

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(nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Der Predigtstuhl hat, obwohl an Höhe und orographischer Bedeutung den meisten Gipfeln des Wilden Kaisers nachstehend, in jüngster Zeit doch eine größere Anzahl von Liebhabern gefunden. Als eine der letzten jungfräulichen Spitzen des Gebietes wurde er heiß umworben und mehrmals vergeblich belagert, bis im Jahre 1895 auch er bezwungen wurde; ja im Laufe weniger Tage wurden sogar zwei ganz verschiedene Routen auf den früher so spröden Turm gefunden. Herr Dr. Richard Schmidt) aus München, der mit seiner berggewandten Gemahlin noch im gleichen Herbste den Nordgipfel zweimal besucht hatte, wusste mir soviel Schönes über die kühne Zinne zu erzählen, dass ich mich rasch am Peter- und Paulstag 1896 zur Teilnahme an einer projektierten Überschreitung des Berges entschloss.
(nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Bei Sonnenaufgang schon standen wir — Frau Else Schmidt, Herr Dr. Schmidt und ich — auf der Einsenkung des Stripsenjoches und betrachteten unser von hier aus ganz unnahbar erscheinendes Ziel, das in edelschlanker Turmgestalt mit einer ganz schmalen, aller nicht weniger als 800 m hohen und nahezu senkrechten Mauer gegen das Kaiserbachtal abstürzt. Diese Gestaltung verweist von vornherein auf die Südseite des Berges, wo er, ähnlich wie der Crozzon von der Cima Tosa, von den Goinger Halten sich loslöst; wir mussten daher natürlich die Steinerne Rinne als Zugang wählen. Man wird im Hochgebirge selten Gelegenheit haben, so mathematisch senkrechte Wände zu sehen, wie diejenigen, welche den schmalen Plattenschuss der Steinernen Rinne auf beiden Seiten einfassen. Nimmt man dazu die Länge der nur 80 bis 100 m breiten Rinne selbst, welche die Zone von 1260 m bis 1959 m durchzieht, während die beiden sie flankierenden Eckpfeiler, Fleisch-bankspitze und Predigtstuhl, 2100 m Höhe erreichen, so kann man sich auch im Geiste ein schwaches Bild von der ungewöhnlichen Großartigkeit der Szenerie machen. In der Tat kann man bei einer Durchsteigung der Rinne sich nicht leicht des unwillkürlichen Gefühles erwehren, dass die Mauern rechts und links im Begriffe stehen, über dem Kopfe zusammenzustürzen. Da wir alle drei das Terrain schon kannten und der Fels überall zuverlässig und mit großen Griffen versehen ist, machten wir rasche Fortschritte. Schon beim Einstieg sahen wir weit über uns zwei schwarze Pünktchen ein steiles Schneefeld in der Rinne queren; es waren, wie sich später herausstellte, Herr Hölldobler aus Landshut und Führer Strasser, welche in der Griesener Alm genächtigt und das gleiche Ziel wie wir im Auge hatten. Als wir an jener Stelle, eine Viertelstunde unter dem Elmauer Thor, angelangt waren, wo sich die Steinerne Rinne bedeutend erweitert, und wo wir nunmehr links in die Wände des Predigtstuhles einzubiegen hatten, sahen wir die zwei Punkte schon mitten im Botzong’schen Kamin bei strammer Arbeit. Da wir der Steingefahr halber hätten warten müssen, bis sie den Kamin hinter sich gehabt hätten —ein Aufenthalt von vielleicht mehreren Stunden —, so beschlossen wir, den projektierten Aufstieg durch denselben aufzugeben und vorerst den Weg Tavernaros zum Gipfel einzuschlagen. Nach einer kurzen Rast, in deren Verlaufe wir Gelegenheit zur Beobachtung der bekannten Tatsache hatten, dass schwierige und oft auch leichte Klettereien, von vorne und aus gewisser Distanz gesehen, stets einen geradezu unheimlichen Eindruck auf den untätigen Zuschauer machen, kletterten wir durch eine enge Rinne zur tiefen Scharte südlich des imposanten Hauptturmes empor. Von hier ist der noch circa 80 m hoch aufragende Gipfel nicht direkt erreichbar; wir mussten etwa 15 m auf der über dem Griesener Kare liegenden Ostseite absteigen und ein sehr exponiertes Gras- und Schrofenband 50 m weit nach Norden verfolgen.
Die Schnelligkeit unserer Fortbewegung wurde nun eine sehr geringe, da wir zum ersten Male mit einander gingen und uns sonach das vollkommen fehlte, was die Engländer mit einem glücklich gewählten, aber schwer übersetzbaren Ausdruck » kooperative force of a party« nennen; diesen Mangel mussten wir daher durch verdoppelte Vorsicht wettmachen. Das Schrofenband brach an einem schauderhaften Abgrund ab, so dass nun eine nicht sehr stark geneigte, aber bösartig glatte Plattenrinne benützten, welche im rechten Winkel wieder zum Grate emporzuführen schien. Dieselbe ist kurz unter dem Grate durch einen 3 m hohen Überhang geschlossen, dessen Überwindung jedoch allem Anschein entgegen keine großen Schwierigkeiten bereitet. Gleich darauf gewannen wir den Grat und hatten nur mehr eine 15 m lange, hart rechts daneben eingelagerte Plattenrinne zu erklettern — das unangenehmste Stück des Aufstieges —, um dann nach circa zweistündiger Kletterei direkt auf die kühne Zinne zu gelangen. Es war dies die dritte Ersteigung.

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Inzwischen waren auch Herr Hölldobler und Strasser auf dem wesentlich niedrigeren Nordgipfel angelangt und schickten sich an, zu der Scharte zwischen beiden Gipfeln zurückzukehren. Solange sie sich im Botzong’schen Kamin bewegten, hätten wir den Übergang zum Nordgipfel nicht ausführen können, da wir hierdurch die andere Partie in arge Steingefahr versetzt hätten; wir waren daher leider gezwungen, sofort den Weitermarsch anzutreten. Über einen zersplitterten Grat kletterten wir nach Norden weiter, bis derselbe mit einem großen Abbruche endigte. Mit Hilfe einiger in eine seichte Mulde eingelagerter, leichter Kamine, welche die direkte Fortsetzung des Botzong’schen Kamins bilden, kamen wir bis in die nächste Nähe der Scharte, in der Herr Hölldobler und Strasser uns erwarteten. Über einen 18 m hohen Abbruch, der übrigens wahrscheinlich auch frei erklettert werden könnte, seilten wir uns vollends neben die Scharte ab, wobei uns Strasser durch dankenswerte Aufschlüsse von unten unterstützte. Während Herr Hölldobler nun seinen Abstieg fortsetzte, eilten wir über leichte Schrofen zum weitvorgeschobenen, nach drei Seiten mit grauenhaften Wänden abstürzenden Nordturm. Wir hatten zu dem Übergange von einem Gipfel zum andern eine starke halbe Stunde benötigt.
Heute schien der ganze Wilde Kaiser lebendig geworden zu sein, auf allen Spitzen tauchten winzige Figürchen auf und überall widerhallten die Wände von Rufen und Jauchzern. Die Ackerlspitze, die Goinger Halten, die Karlspitzen waren dicht bevölkert und auch vom (nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Totenkirchel drangen schallende Grüsse zu uns herüber, als wir unvermutet auf dem stolzen Turme auftauchten. Es war mit anderen Freunden vom Akademischen Alpenverein München Dr. Alois Zott, der unermüdliche Veteran der siebziger und achtziger Jahre, der heute das fünfzehnjährige Jubiläum seiner berühmten Ersteigung des Totenkirchels in echt alpiner Weise auf diesem Gipfel selbst feierte. Die Aussicht ist natürlich wegen der übermächtigen Nachbarn unseres Berges keine umfassende, aber infolge des großen Kontrastes gegen das üppig grüne Kaiserbachtal eine sehr schöne.
Nach einem nahezu zweistündigen Aufenthalte kehrten wir zur Scharte zurück, mussten hier aber längere Zeit warten, da unsere Vorgänger den großen Kamin noch nicht hinter sich hatten. Ich stehe nicht an, die nun folgende Durchkletterung des ungeheuren, ebenso sehr durch seine Länge von 130 m, wie durch die großartigen Detailbilder ausgezeichneten Riesenkamins, der hierin unter den mir bekannten Kaminen nur vom Schmittkamin der Fünffingerspitze erreicht und übertroffen wird, und der mit vollem Recht den Namen seines kühnen ersten Bezwingers trägt, als eine der technisch schwierigsten Aufgaben zu bezeichnen, die dem Felssteiger entgegentreten können. Dabei besitzt er jedoch den großen Vorzug, dass seine Gefährlichkeit eine relativ sehr geringe ist, da er einmal so tief in die Wand eingeschnitten ist, dass fast nie das Gefühl das Exponiertseins auftritt, und andererseits ein Sturz bei der Enge des Kamins leicht zu vermeiden ist. Der letztere Umstand erhöht allerdings umgekehrt wieder die Schwierigkeiten an einigen Stellen sehr bedeutend.
(nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Alles in Allem genommen muss man sagen, dass Tavernaros‘ Weg bedeutend leichter, und überhaupt nicht sehr schwierig, aber wegen seiner glatten Platten weit gefährlicher, dabei landschaftlich weniger interessant ist, als die Botzong’sche Route.
Nach 2 1/2 Stunden standen wir am Fuße des Riesenkamins und blickten, wenn auch etwas abgespannt, so doch mit tiefer Befriedigung, zu seinem imposanten, schwarzen Schlunde empor. Über leichte Schrofen traversierten wir sodann zu dem vormittags in der Steinernen Rinne deponierten Rest des Gepäckes, überschritten das Elmauer Tor und gelangten nach einer langen und lustigen Abfahrt über die Schneefelder des >Kübels« und nach einer gemütlichen und genussvollen Wanderung über grünen Almboden und durch hochstämmigen Wald abends nach Elmau.

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