Historische Übersicht über die Erschliessung des Kaisergebirges

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Die Erschliessungsgeschichte unseres Gebietes weist dieselben einheitlichen Züge auf, wie diejenige der meisten anderen Gruppen der Ostalpen und unterscheidet sich davon höchstens durch die verschiedene zeitliche Begrenzung der einzelnen Perioden und durch die auffallend geringe Anzahl von Personen, welche wenigstens in den beiden ersten Epochen im Kaisergebirge ein Feld ihrer Tätigkeit fanden. Wie fast überall sehen wir auch hier im Grossen und Ganzen drei Abschnitte sich scharf von einander abheben: Die Zeit vereinzelter, meist systemloser und bald vergessener Bergfahrten ohne tiefere Nachwirkung, dann die Periode gründlicher Durchforschung des ganzen Gebirgsstockes, verbunden mit der Ersteigung aller Hauptgipfel, und zuletzt die Periode des Massenbesuches und des Sturmes auf die letzten, auch unbedeutenden Spitzen.
Peter Karl Thurwieser’s glanzvoller Name ist, wie in so vielen anderen Gebirgsgruppen, so auch für den Kaiser derjenige, welcher die erste Epoche einleitet. Wir wissen wenigstens von keinem anderen Namen und es ist auch in hohem Grade unwahrscheinlich, dass vor ihm irgendwelche touristische Tätigkeit in unseren Bergen entfaltet wurde. Kühne Einheimische kannten freilich schon damals ihre heimatliche Felsenwelt ebenso genau wie das jetzt der Fall ist und die unerstiegenen Gipfel hätte man schon zu Thurwieser’s Lebzeiten in einem Atemzug aufsagen können. Wie durch Wohlstand und Intelligenz, so scheinen sich die Bewohner des Kaisergebirges eben auch durch alpine Unternehmungslust vor der angrenzenden Pinzgauer Bevölkerung vorteilhaft auszuzeichnen. Thurwieser hat den Kaiser nur flüchtig berührt, indem er am Oktober 1826 die von ihm anfangs als Kulminationspunkt betrachtete Ackerlspitze in Begleitung des Lederers Johann Carl und des Jägers Hautzensteffel erstieg, in Anbetracht der Zeitumstände gewiss eine der hervorragensten alpinen Leistungen, welche jemals vollbracht wurden. Die Tour blieb nahezu unbekannt und fand viele Jahrzehnte keine Nachfolge.
Berücksichtigen wir die Vermessung des Jahres 1847 nicht, bei welcher wohl der eine oder andere Hauptgipfel auch von Mappierungsoffizieren betreten wurde, so sehen wir mehr als ein Vierteljahrhundert vergehen, bis wieder ein Fremder seinen Fuß auf die stolzen Felsbauten setzt. Die alpine Signatur der Mitte unseres Jahrhunderts ist überall in den Ostalpen der mit den Bergfahrten verbundene wissenschaftliche Zweck, und die Ersteigung des Treffauers, 2304 m, und des Scheflauers, 2113 212, durch Robert und Emil Schlagint weit mit dem Führer Mathias Oerger im Jahre 1853 macht von dieser Grundregel keine Ausnahme. Sie wurde im Dienst der geographischen und physikalischen Untersuchung des Kaisers ausgeführt’) und ihre Kenntnis blieb unter den Fachgenossen begraben. Die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich den umfassenderen und gründlichen Arbeiten eines Sonklar, Ruthner und Anderer zu, welche in den Zentralalpen, für die schon die zweite Periode angebrochen war, ein größeres Feld für ihre Forschungen fanden. Der Zug der Zeit entschied sich für die weiten Gletscherreviere, der Fremdenstrom begann ihm zu folgen, und darüber das Näherliegende zu vernachlässigen. Das Sonneck, mit dem Scheflauer die am leichtesten zugängliche Spitze, ist die einzige, welche in den sechziger Jahren bisweilen einen Besuch erhielt.
Diese erste Periode schließt also mit dem Ergebnis ab, dass der Kufstein zunächst liegende und am einfachsten aufgebaute westlichste Teil des Gebirges touristisch betreten und außerdem die höchste Spitze im Osten, die Ackerlspitze, ein einziges Mal von einem Fremden erstiegen worden ist.
Der Beginn der zweiten Periode fällt in das Geburtsjahr des Deutschen Alpenvereins, in das Jahr 1869. Nicht ganz zufällig: ist doch Karl Hofmann, der bei der Gründung des Deutschen Alpenvereins eine der wichtigsten Rollen spielte, auch die Ursache dieser neuen Epoche für das Kaisergebirge. Wenn sein Wirken auch ein kurzes war, da er ein Jahr später den Heldentod auf dem Schlachtfelde von Sedan fand, so gelang es ihm doch, als erster Tourist in die Geheimnisse des Mittel- und Hauptstockes einzudringen und neben den beiden anderen höchsten Spitzen, dem Treflauer und der Ackerlspitze, von der er einen neuen Abstieg fand, auch den vornehmsten Gipfel der ganzen Gruppe, die Elmauer Haltspitze, 2344 m, zu betreten. Sein glänzendes Beispiel wirkte aneifernd auf zwei Freunde und Gesinnungsgenossen, deren Name noch mit der Geschichte vieler anderen Gruppen der nördlichen Kalkalpen innig verknüpft ist, Karl Babenstub er und Georg Hofmann aus München. Sie wiederholten, durchwegs in Begleitung des Führers Johann Schlechter, vulgo Mallhansl, im Laufe des nächsten Jahrzehntes nicht nur sämtliche Wanderungen Karl Hofmann’s, sondern entkleideten auch alle anderen Hauptgipfel ihres Rufes der Unnahbarkeit. Die mächtigen Karlspitzen, die Goinger Halten, fanden in ihnen ihre Bezwinger, auch der östlichste Teil des Kaisers wurde nicht vernachlässigt, indem die Beiden das Kleine Thörl überschritten und auch die Lärcheckspitze erstiegen. Man kann sagen, dass gegen das Ende jenes Jahrzehntes das Kaisergebirge in der Hauptsache erschlossen war, indem mit Ausnahme des Todtenkirchels keines der größeren Felsmassive ihrem energischen Vordringen Widerstand leisten konnte; was nunmehr zu tun übrig blieb, war Detailarbeit. Dem Vorbild dieser Männer ist es auch zu danken, wenn um diese Zeit die bedeutendsten Spitzen allmählich auch von anderer Seite einen wenn auch nur spärlichen Besuch erfuhren. Entsprechend dem geringen Areal der Gruppe, aber auch dem Eifer der erwähnten Männer, hat diese Periode, die der Erschließung im Grossen, nur über zehn Jahre sich erstreckt.
Eine auffallende, sprunghafte Änderung in der Frequenz trat mit dem Beginn der achtziger Jahre ein. Die dritte Periode, die des Massenbesuches, datiert von zwei Ereignissen: von dem Erscheinen der Monographie Trautwein’s, und von der Schaffung eines Zentralausgangspunktes für alle Touren in der Hinterbärenbadhütte der Sektion Kufstein. Es mehrte sich progressiv nicht nur die Zahl derer, welche in kühnen Klettereien auf die Wände und Zinnen der Felskolosse ihre Freude finden, sondern auch bei dem ruhiger genießenden großen Reisepublikum wurde das herrliche Gebirge allmählich populär. Einen Beweis hiefür liefert das Fremdenbuch von Hinterbärenbad: von einigen Hundert Besuchern vor 15 Jahren ist die Frequenznummer nunmehr auf 5000 in jedem Jahre gestiegen.
Vom hochtouristischen Standpunkt aus bedeutet diese Epoche die Bezwingung aller noch jungfräulichen, auch der unbedeutenden Gipfel, außerdem die Erreichung nahezu aller Gipfel auf neuen Routen, die Aufstellung und Lösung einer Reihe von großartigen »Problemen«. An der Lösung dieser Aufgaben beteiligten sich eine solche Anzahl von Alpinisten, dass es unmöglich ist, hier die Verdienste der Einzelnen zu würdigen; an dieser Stelle sei nur einer der erfolgreichsten Alpinisten, die je im Kaisergebirge wirkten, — eine der merkwürdigsten Erscheinungen in dem an originellen Persönlichkeiten nicht armen Alpinismus — Georg Winkl er’s aus München — speziell erwähnt.
Seit Winkler den Kaiser als seine Kletterhochschule benützte, ist es bei den Münchener Hochtouristen — und man weiß, welche Menge von dieser Spezies die Isarstadt in ihren Mauern birgt — unumstößliche Sitte geworden, die höhere »Felsbildung« ebendort sich zu erwerben. Das hat natürlich seine Rückwirkung auf die Quantität und die Qualität der unternommenen Bergfahrten, und so mag die Behauptung nicht ungerechtfertigt erscheinen, dass, wie die allgemeine Zunahme des Fremdenstromes im Kaisergebirge auf Trautwein’s Monographie hauptsächlich zurückgeht, so die außerordentliche Steigerung der hochtouristischen Tätigkeit im Kaiser in den letzten Jahren ihre vornehmste Wurzel in Winkler’s Persönlichkeit hat.
Ein Ende dieser Entwicklung ist kaum abzusehen. Wer vermag zu sagen, wie sich in weiteren zehn Jahren die Verhältnisse im Kaiser geändert, ob wir dereinst eine vierte Periode der Abnahme zu verzeichnen haben werden?

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