Der Wilde Kaiser – Von Joseph Enzensperger
18 Jahre sind verflossen, seit Trautwein mit seiner Arbeit an die Öffentlichkeit trat. Die naturgemäße Folge davon ist, dass dieselbe trotz ihrer Vorzüge das Loos aller Erstlingsarbeiten erlitt, indem sie durch den mächtigen Fortschritt der Touristik in vielen Punkten veraltete. Für die Mittelregion von großer Genauigkeit, so dass man auch heute kaum etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen vermag, hat sie für die Hochregion ihren Werth so ziemlich verloren. In der »Erschließung der Ostalpen« ferner hat der Bearbeiter des Kaisergebirges sein Hauptaugenmerk auf die Aufdeckung und Zusammenfassung der älteren Geschichte der einzelnen Berge gelegt und darüber ist die intensive, lebendige Fortentwicklung im letzten Jahrzehnte sehr kurz geraten. Sonst tritt bei zunehmendem Besuche einer Gebirgsgruppe als ständige Begleiterscheinung auch ein Anschwellen der Literatur über dieselbe auf; merkwürdigerweise ist dieselbe hier trotz des erwähnten Aufschwunges des Bergsteigens, trotz der Zunahme der Fachorgane und trotz der Fülle und Dankbarkeit der vorhandenen Objekte eine recht spärliche geblieben. Speziell gilt dies von der, wenn ich mich so ausdrücken darf, belletristischen Schilderung einzelner Bergfahrten, welche ja, man mag sagen, was man will, im großen Publikum den Sinn für die Schönheiten der Alpenwelt und den Drang nach den Genüssen, welche von den freien Bergeshöhen winken, in vielfach höherem Grade zu wecken im stande sind, als dies noch so gelehrte historische und topographische Auseinandersetzungen oder trockene, »führer«-mäßige Wegbeschreibungen zu tun vermögen. Diese verschiedenen Gesichtspunkte rechtfertigen es wohl, wenn in der Zeitschrift neuerdings der Versuch gemacht wird, eine den jetzigen, geänderten Verhältnissen angemessene Darstellung des »Wilden Kaisers« zu geben. Entsprechend den hier entwickelten Gesichtspunkten fasst der Autor seine Aufgabe, soweit ihm deren Erfüllung bei dem beschränkten Raume möglich ist, als eine doppelte auf: Er will nach einer allgemeinen Einleitung in gedrängten Zügen eine Geschichte der Erschließung des Kaisergebirges im Ganz en geben und im Anschluss daran die Ersteigungsgeschichte der einzelnen Berge unter möglichst kurzer Wiederholung des in der »Erschließung der Ostalpen« Niedergelegten bis auf die jüngste Zeit weiterführen; er möchte dann durch die Schilderung ausgewählter alter und neuer, zahmer und kühner Berg- und Talfahrten bei den vielen Tausenden, welche den »Kaiser« schon kennen, fröhliche Erinnerung an frohe, in seinem Bannkreise verlebte Tage wachrufen, bei anderen aber ein Verlangen nach den gleichen Freuden wecken.
Dicht am Felsen – Segelfliegen Wilder Kaiser
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