Der Wilde Kaiser – Von Joseph Enzensperger

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Als Theodor Trautwein im zehnten Bande dieser Zeitschrift seine Monographie des Kaisergebirges veröffentlichte, war dieses Faktum für das große Reisepublikum, ja sogar für die Mehrzahl der engeren Gemeinde der Alpinisten jener Zeit, nahezu gleichbedeutend mit einer Entdeckung dieser herrlichen Bergwelt. Denn die wissenschaftlichen Arbeiten der Brüder Schlagintweit und auch die Schilderungen, welche Karl Hofmann von seinen kühnen Streifzügen im ersten Bande derselben Zeitschrift niederlegte, waren nicht über die engeren Fach- und Alpinistenkreise hinausgedrungen und nach diesen Männern waren es außer Einheimischen nur mehr zwei — heute noch lebende — Veteranen jener entschwundenen klassischen Zeit, in welcher man in den Ostalpen noch »Entdeckungen« machen konnte, Karl Babenstuber und Georg Hofmann aus München, welche durch eine systematisch fortgesetzte Reihe von gemeinsamen Wanderungen eine allgemeine Kenntnis des Kaisergebirges erworben hatten. Die Erfahrungen jener Männer fasste unser unvergesslicher Trautwein mit den Ergebnissen seiner eigenen zahlreichen Touren in der Mittelregion zusammen und schuf daraus seine Monographie, welche in der »Kaiserliteratur« stets einen Ehrenplatz einnehmen wird. Seitdem ist das Kaisergebirge aus der Stellung einer der am wenigsten besuchten Gruppen der Ostalpen in die entgegengesetzte aufgerückt: ich glaube heute die begründete Behauptung aufstellen zu dürfen, dass zurzeit kein Hochgebirge der Ostalpen eine im Verhältnis zu seinem Areale gleich ansehnliche Besucherzahl aufzuweisen hat. Eine Anzahl günstiger Umstände hat zu dieser überraschenden Änderung mitgewirkt: der rapide Aufschwung des alpinen Gedankens unter dem deutschen Volke und damit die gewaltige Steigerung des Fremdenverkehrs in allen Gebieten der Ostalpen; die günstige geographische Lage, da das Kaisergebirge das seit Alters wichtigste Einbruchstor aus Deutschland in die Alpen flankiert und daher besonders aus dem vermehrten Fremdenstrom Gewinn ziehen musste; die landschaftlichen Reize des Gebirgszuges selbst, der an eindrucksvoller Großartigkeit der Felsnatur von keiner Gruppe der Ostalpen übertroffen, von wenigen erreicht wird; die Nähe einer Großstadt wie München, in welcher der Albinismus eine hervorragende Rolle spielt; nicht zuletzt die Monographie Trautwein’s, welche den alten Bann der Vergessenheit brach und dem »Kaiser« manchen Besucher gewann, der in das heimatliche Flachland zurückgekehrt, begeistert seine Schönheit pries und dem lange vernachlässigten Gebiete neue Anhänger warb.

18 Jahre sind verflossen, seit Trautwein mit seiner Arbeit an die Öffentlichkeit trat. Die naturgemäße Folge davon ist, dass dieselbe trotz ihrer Vorzüge das Loos aller Erstlingsarbeiten erlitt, indem sie durch den mächtigen Fortschritt der Touristik in vielen Punkten veraltete. Für die Mittelregion von großer Genauigkeit, so dass man auch heute kaum etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen vermag, hat sie für die Hochregion ihren Werth so ziemlich verloren. In der »Erschließung der Ostalpen« ferner hat der Bearbeiter des Kaisergebirges sein Hauptaugenmerk auf die Aufdeckung und Zusammenfassung der älteren Geschichte der einzelnen Berge gelegt und darüber ist die intensive, lebendige Fortentwicklung im letzten Jahrzehnte sehr kurz geraten. Sonst tritt bei zunehmendem Besuche einer Gebirgsgruppe als ständige Begleiterscheinung auch ein Anschwellen der Literatur über dieselbe auf; merkwürdigerweise ist dieselbe hier trotz des erwähnten Aufschwunges des Bergsteigens, trotz der Zunahme der Fachorgane und trotz der Fülle und Dankbarkeit der vorhandenen Objekte eine recht spärliche geblieben. Speziell gilt dies von der, wenn ich mich so ausdrücken darf, belletristischen Schilderung einzelner Bergfahrten, welche ja, man mag sagen, was man will, im großen Publikum den Sinn für die Schönheiten der Alpenwelt und den Drang nach den Genüssen, welche von den freien Bergeshöhen winken, in vielfach höherem Grade zu wecken im stande sind, als dies noch so gelehrte historische und topographische Auseinandersetzungen oder trockene, »führer«-mäßige Wegbeschreibungen zu tun vermögen. Diese verschiedenen Gesichtspunkte rechtfertigen es wohl, wenn in der Zeitschrift neuerdings der Versuch gemacht wird, eine den jetzigen, geänderten Verhältnissen angemessene Darstellung des »Wilden Kaisers« zu geben. Entsprechend den hier entwickelten Gesichtspunkten fasst der Autor seine Aufgabe, soweit ihm deren Erfüllung bei dem beschränkten Raume möglich ist, als eine doppelte auf: Er will nach einer allgemeinen Einleitung in gedrängten Zügen eine Geschichte der Erschließung des Kaisergebirges im Ganz en geben und im Anschluss daran die Ersteigungsgeschichte der einzelnen Berge unter möglichst kurzer Wiederholung des in der »Erschließung der Ostalpen« Niedergelegten bis auf die jüngste Zeit weiterführen; er möchte dann durch die Schilderung ausgewählter alter und neuer, zahmer und kühner Berg- und Talfahrten bei den vielen Tausenden, welche den »Kaiser« schon kennen, fröhliche Erinnerung an frohe, in seinem Bannkreise verlebte Tage wachrufen, bei anderen aber ein Verlangen nach den gleichen Freuden wecken.

Dicht am Felsen – Segelfliegen Wilder Kaiser

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